[Mission Esperanto] Voyeurismus, Konsum und Reizüberflutung: 7 Tage ohne Fernsehen, Netflix & Co.

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29 März 2017




Nachdem die Kolumnenzeit vor einiger Zeit vorbei war wusste ich direkt, dass es in irgendeiner Form dennoch weiter gehen wird. Nach langer Planung ist es heute so weit: Mission Esperanto geht an den Start. Wieso der Name und weshalb und wann und warum überhaupt - das gerne in einem separaten Post. Denn jetzt soll es direkt los gehen - wir hinterfragen. Wir probieren uns aus. Ach, wir? Ja, auch bei diesem Projekt bin ich nicht alleine unterwegs - Tamara ist mein neuer Partner in crime. Ich freue mich wie verrückt und auch über sie werde ich euch das ein oder andere Schmankerl erzählen. Doch starten wir in das Projekt: sieben Tage ohne Fernsehen. Ohne Netfllix. Ohne Streaming. Glotze aus. 

Als ich mich auf dieses Selbstexperiment eingelassen habe wusste ich, dass es keine Herausforderung für mich werden würde. Fernsehen und ich, das ist wie Zitrone auf Panade oder Bananen und Schokolade: einfach ziemlich eklig und nicht kompatibel. Wann ich das letzte Mal tatsächlich den Fernseher angeschmissen habe, weiß ich nicht mal mehr. Früher waren wir ein Dreamteam und nichts konnte mich davon abhalten, jede abgefuckte Castingshow anzuschauen. Kein Wunder, dass ich so ein soziales Opfer war. Und soll ich euch was sagen? Erst letzte Woche habe ich das erste Mal überhaupt gesehen, wie der diesjährige Bachelor aussieht. Es war Finale, wie mir schien. Woooow, schon nach zwei Minuten wusste ich ganz genau, wieso ich seit einem knappen Jahr die Fernbedienung nicht mehr angefasst habe. Es widert mich an. Grenzenloser Voyeurismus. Ein erfolgreiches Verdrängen der eigenen Schwächen, während man sich zufrieden kopfnickend für das Nonplusultra der heutigen Zivilisation hält - und dabei genau das Gegenteil ist. Okay, ich schweife zurück, wir betreiben hier keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern schillern lieber in abermillionen Grautönen. Fernsehen per se ist nicht das, was ich verurteile. Sondern viel eher das, was viele Menschen daraus machen. Sowohl als Macher und auch als Konsument - was letztendlich ein ewig währender Teufelskreis ist. Angebot bestimmt die Nachfrage, die Nachfrage das Angebot. So lange es also genügend Menschen gibt, die sich visuelle Scheiße in das Gehirn stopfen möchte, so lange wird es auch Produzenten geben, die dieses lechzende Verlangen befriedigen. Money, bitches. Produzenten wollen Geld, der Konsument will Macht - und bemerkt dabei ganz und gar nicht, dass er selbst die Marionette der Gesellschaft ist und bleibt und dadurch gleichzeitig Strippenzieher ist. Teufelskreis eben.

Ach, ging es hier nicht einst um ein Selbstexperiment? Ja. Sieben Tage ohne Fernsehen sind so oder so kein Ding; nur vor der Netflix-Sache hatte ich Angst. So ein Abend ohne Netflix, puh, that's just not me. Dachte ich. Und was soll ich sagen: ne. Es fehlte mir nicht; ich füllte meine Abende ganz instinktiv mit anderen Dingen. Freunde, Lesen, Kochen, Backen, Kisten packen und mucho mucho Musiko. So, als wäre es nothin'. Als ich das realisierte, war das so: digga, geil, ich find mich gut. Das ist genau der Flow, den ich von mir selbst erwarte und mir auch von anderen Menschen erhoffe. Es ist vollkommen okay, sich hin und wieder seinen Trieben hin zu geben. Es ist aber nicht okay, sich blenden zu lassen. Sich selbst dabei zu belügen. Das Hirn auszumachen (oder noch schlimmer: das mit seinen Kindern zu machen, you know). Dabei andere herabzustufen. Dauerhaft. Und dann auch noch von all dem abhängig zu sein. Eigentlich mehr oder weniger ein Cocktail aus Aids und Cholera, garniert mit der Pest. Ja, es gibt auch gutes Fernsehen. Es gibt die Serien, die mich zum Lachen bringen und mich weinend in der Ecke kauernd verkommen lassen. Es sind Dokumentationen und die wenigen, einzelnen Shows, es sind Filme und Sender wie joiz (rest in peace, my dear). Ich mein - des isch es. Das ist Kunst; eine Kunst für sich. Eine Kunst für mich. 

Ich mache sicherlich nicht alles mit Sinn und Verstand und auch ich begebe mich manchmal in das Gebiet 'der anderen' und find's mega nice. Ich schäme mich dann ein ganz kleines bisschen, aber das ist schon okay so. I'm not perfect - not at all. Niemand von uns ist es. Es ist nur wichtig, sich nicht hinter einem Wall an Pixeln, der noch verzweifelter als man selbst ist, zu verstecken.



Tamaras Woche ohne TV-Konsum:
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