[Kolumne] Wie Musik die Welt verändern kann: 'Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.'

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02 Dezember 2016



Ich bin ein interessierter Mensch. Desinteresse zeugt für mich von Weltverschlossenheit (nennt man so das Gegenteil von Weltoffenheit?), einer Verlorenheit in sich selbst und dem Alltagstrott und vor allem von einer Art von Beständigkeit, die nicht positiv ist. Interesse beginnt bei zwischenmenschlichen Dingen, geht über zu Lebensinhalten, Hobbies und auch Nichthobbies, Theorien und deren Praxis und natürlich dem eigenen Dasein. Sich Fragen zu stellen und Antworten zu finden - oder vielleicht auch noch mehr Fragen. Die meisten Antworten und Fragen in meinem Leben habe ich bisher von der Musik gestellt bekommen. Nichtige Fragen und sehr essentielle - sogar die Frage aller Fragen: Wer bin ich eigentlich? Denn ehrlich, der Musikgeschmack eines Menschen sagt so viel über diesen aus, wie fast keine andere Information... oder doch nicht?



Musik ist eines meiner größten Standbeine des Lebens und das war auch schon immer so. Ich erinnere mich noch stark daran, wie ich im sehr zarten Alter von fünf Jahren vor der Stereoanlage stand, "No diggity" im Radio lief und ich ein Mikrofon einsteckte, den wundervollen "REC" Griff tätigte und tanzte, um dieses wundervolle Musikwerk auf Kassette aufzunehmen. Schon damals klang das katastrophal schlimm - Talente besitze ich leider weder mit meiner Stimme, noch auf irgendwelchen Instrumenten. Ich kann es einfach nicht und diese Tatsache hat mich nicht nur ein Mal traurig gestimmt. Talente werden manchmal doch sehr unfair verteilt. Aber sei's drum. Als kleiner Pimpf habe ich mich natürlich größtenteils mit dem beschäftigt, was so auf VIVA und MTV lief. Internet gab es damals noch nicht, aber das reichte mir vollkommen. Ich hatte meine Welt gefunden - vor allem auf VIVA ZWEI, das ich glaub irgendwann zu VIVA+ wurde. Alternativer Shit, der geiler nicht sein konnte - nur wusste ich das damals noch gar nicht. Ich sog alles in mich auf; konkrete Genres konnte ich gar nicht benennen und sie waren mir auch recht egal. Gut ist gut, egal welchen Namen man dem ganzen gibt. 2002 kam der große Umbruch - das weiß ich noch ganz genau, da mein musikalischer Wandel mit dem Film Spiderman zu tun hatte und mit einem nie statt gefundenem Date. Mein damals Angebeteter schlug vor, ob wir nicht zusammen ins Kino gehen möchten - ja. ich war schon mit zehn Jahren ziemlich am Shakern. Spiderman sollte es werden - und wurde es nie. Dafür wurde "Hero" von Chad Krueger meine Hymne, was halt so Titelsongs von Filmen, die man vollkommen fühlt, so machen. Es wurde rockiger in meinem Leben. Linkin Park kam dazu. Bullet for my Valentine. Der rotzigste Deutschpunk mit den "Es lebe der Punk" Samplern, allen Metalcore-Dorfkind-Jugendhaus-Konzerten und revolutionärem Gedankengut. Ich wollte die Welt auf den Kopf stellen - nicht nur meine, sondern die von allen. Ich war ein Emo-Punk-Metal-gestreifte-Stulpen-Kind, das sogar mal "mit den echten Punks" mit 15 Jahren in Karlsruhe auf der Straße gepennt und geschnorrt hat. Es war schön. Noch heute krame ich gerne meine Ton Steine Scherben Platten heraus und fühle mich wie das 14-Jährige-Ich von damals. Mit Dreads auf dem Kopf und dem abgerissenen NPD-Plakat in der Hand.

Mit 14 trat eine gewisse Person in mein Leben, die alles auf den Kopf stellte, so nach und nach. Ich bewunderte ihn für seine Intelligenz, seine gehievte Art, seine melancholischen und tiefgehenden Gedanken. Irgendwann kamen wir tatsächlich zusammen und ich lernte eine Welt der Trauer kennen. Mein Leben trauerte, mein Stiefvater starb damals. Und er und die Musik waren alles, was mir blieb, um mich auf den Beinen zu halten. Proggressive Metal, Post-Hardcore, anspruchsvolle psychedelische Scheiße, die einen noch mehr in die Depression gezwängt hat, als man sowieso schon tief in ihr steckte. Sie drückte zu, schnürte einem die Luft zum Atmen ab und doch war das der Grund, wieso ich noch lebte. Me in a nutshell. Us in a nutshell. Nach einem halben Jahr trennten wir uns - viel zu sehr haben wir uns gegenseitig so sehr in die Tiefen des Unglücks gedrückt, dass es uns einfach nicht gut gehen konnte. Emotional waren wir zu der Zeit zu sehr auf der gleichen Basis. Er ging - die Musik blieb und mit ihr das halbe Jahr in meinem Leben, das mich so krass geprägt hat. Menschlich, meinen ganzen Charakter - mit dem Blick nach Innen gerichtet und der kurzen Klarheit dafür, wer ich wirklich bin. Und dem Interesse nach mehr.

Es blieb weiterhin rockig - mittlerweile suchte ich immer bewusster nach Musik. Mit meinem damaligen Freundeskreis und meinem neuen Freund war ich auch da vollkommen auf einer Ebene. Die Konzertbesuche in Jugendhäusern blieben, nur eben nicht mehr, um "Vive la revolution!" durch die Gegend zu schreien, sondern um die Gitarrenriffs deine Seele berühren zu lassen. Den Bass beben zu spüren. Sich tragen zu lassen. Mittlerweile ging es nicht nur um die eine Sache, sondern aus einem Zusammenspiel von Millionen Kleinigkeiten, die gemeinsam ein Lebensgefühl beschrieben; mit der wahnsinnigen Liebe zum Detail. Wir sind im Jahre 2009 und ich lerne meinen (immer noch) guten Freund Hepp kennen. Er ist Rapper. Er zeigt mir Maeckes. Meine Welt steht Kopf.


Heute bin ich ein Hip-Hop-Head. Heute bin ich kein Hip-Hop-Head. Heute bin ich... was bin ich eigentlich? Eine Sammlung aus all meinen Erfahrungen und so ist es auch mein Musikgeschmack. Mein Musikgeschmack verändert sich nicht einfach so - er wandelt sich mit mir. Er wächst. Er erzählt eine Geschichte. Meine Geschichte. Ja, in erster Linie höre ich aktuell sehr viel Deutschrap. Ich fühle mich in der Szene zu Hause, weiß von klein bis groß bescheid, bin auf sehr vielen Konzerten und 2017 dann auch auf dem Splash! Weil geil! Aber ich höre auch Radiohead, The XX, The Weeknd, Alabama Shakes, The Smashing Pumpkins und manchmal auch Adele oder fucking Rihanna. Weil geil! Nichts prägte mich bisher so sehr, wie die Musik in meinem Leben und nichts hielt mich immer so am Leben wie die Musik. Ein Satz, der sich im Kreis dreht. 



Wie Mareike mit Musik in ihrem Leben umgeht?
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1 Kommentar on "[Kolumne] Wie Musik die Welt verändern kann: 'Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.'"
  1. Super Post! Ich liebe Musik, darum werde ich Woche für Woche meine liebsten Songs aus jeweils immer einem anderen Land vorstellen. Damit will ich zeigen, dass es gute Musik von überall her gibt und ein Zeichen gegen Rassismus setzen. Jeden Montag kommt ein Artikel online und deine Meinung dazu würde mich auch sehr wunder nehmen. ❤️

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