[Kolumne] Prüfungsangst: Wieso uns unser Kopfkino immer nur im Weg steht.

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18 November 2016



Die Bahn verspätet sich. Ich bin mit diesem Bewusstsein für mein fehlendes Vertrauen in die Pünktlichkeit der Bahn bereits gezielt eine Stunde früher los gefahren - doch nun scheint auch das knapp zu werden. Mir ist schlecht, gegessen habe ich heute noch nichts - denn bei jedem auch nur entfernten Gedanken an Essbares drehte sich der sowieso schon kaum vorhandene Inhalt meines Magens drei Mal um. Meine Zigarettenschachtel ist fast schon wieder leer, obwohl ich sie erst morgens gekauft habe. Wer legt mündliche Prüfungen denn auch auf 16 Uhr? Da hat man noch so viele Atemzüge Zeit, um qualvoll innerlich zu sterben.

Eine Dramaqueen war ich schon immer - neue Gegebenheiten in meinem Leben schnürten mir schon immer zunächst die Luft weg. Dinge, von denen im Leben etwas abhing und manchmal sogar die nichtigen Tatsachen. Dennoch habe ich mich nur selten um sie gedrückt - doch wie der Zufall es wollte, habe ich es tatsächlich meine ganze Schulzeit über geschafft, kein Referat alleine halten zu müssen. Mein Talent erlaubte es mir, stets Gruppenreferate daraus machen zu können, schriftliche GFSs abzugeben oder durch anderes Engagement mich darum herum zu schlängeln. Das mündliche Abitur war dann so eine Sache, bei der ich nicht mehr wusste, wohin mit mir. Ich? Ich soll da vor Menschen stehen und denen was erzählen und die hören mir zu und ich bin doch dumm wie Brot und gar nicht fähig für sowas und tot. Was soll ich sagen - das mündliche Abitur kam. Und es war mehr als gut. Trotzdem bin ich davor innerlich komplett durchgedreht - wochenlang. 

An der Uni ging es damit tatsächlich direkt weiter; Referate waren eine Seltenheit, aber mündlichen Prüfungen mussten wir uns jedes Semester stellen. Ich weiß noch, wie ich in der ersten mündlichen Prüfung an der Uni eine 3,8 bekam. Kurz vor knapp durchgefallen. Ich saß in dem Raum wie ein kleine, morsche Hütte, die gleich droht einzubrechen. Mein Gehirn war wie leer gefegt, als hätte man mein komplettes Ich ausgetauscht. Ich druckste herum, ich stotterte Antworten heraus, die peinlicher nicht sein konnten - und das auch noch permanent mit dem Bewusstsein für das, was ich da gerade mache. Kaum hatte die nächste Peinlichkeit meinen Mund verlassen, meldete sich mein Kopf sofort - was zur Hölle redest du eigentlich? Wie kann es sein, dass du diese Worte zusammenhängend zum einen Satz zusammen baust? Ich glaube immer noch, dass meine Professorin einfach nur wahnsinnig Mitleid mit mir hatte und dieses Häufchen Elend nur deshalb nicht durchfallen ließ. Ob die Prüfung schwierig war? Nicht mal ansatzweise.

Über die Semester hinweg veränderte ich mich - wurde zu einem souveränen Menschen, der genau weiß, was er kann. Sich selbst zu schätzen weiß. Mit diesem Wissen wird vieles anders; und dann eben doch nicht alles. Vor jeder weiteren mündlichen Prüfung bekam ich vermehrte, wochenlange Panikattacken. Was ist, wenn mir genau das gleiche passiert wie bei der ersten? Das halte ich doch nicht durch. Doch. Ich hielt das durch. Ich kotzte gefühlt zehn Mal am Tag der Prüfung, ging hinein und ja - zerfickte das Ding wie ein Geschäftsführer. Like a Baus. Und bei der nächsten? Genau das gleiche Szenario. Seele und Herz aus dem Leib kotzen - tatsächlich über Monate hinweg. Sterben. Den Weltuntergang voraus ahnen. Dann hinein gehen in die Prüfung und plötzlich die Souveränität in Person sein. Viel mehr ein fachliches Gespräch auf Augenhöhe führen, als eine wahre Prüfungssituation. Verstehe das einer.

Gestern war es wieder soweit - meine wohl vorletzte Präsentation in meinem Studienleben. Auch wenn ich sonst bereits wusste, dass ich mich wahnsinnig verändert habe in den letzten Monaten, so waren die letzten Tage wohl die aufschlussreichsten. Als mir vor zwei Wochen mein Termin mitgeteilt wurde, dachte ich: "Ach, easy, noch zwei Wochen Zeit." Kein Fünkchen Aufregung machte sich breit. Absolut nichts. Vor einer Woche dachte ich: "Yürrrrr, noch eine Woche Zeit." Ich blieb ruhig und dachte nicht einmal daran, mit meiner PowerPoint anzufangen. Am Mittwochabend bin ich dann doch etwas früher von der Arbeit nach Hause gegangen - am Abend davor sollte man ja vielleicht mal mit der Vorbereitung für die Präsentation anfangen, die 50% deiner kompletten Semesternote ausmacht. Was soll ich sagen - ich machte mir etwas zu essen. Ich hörte Musik. Ich schrieb und dachte an F.  Ich wollte knutschen. Ich dachte - wieso sollte ich denn jetzt nicht noch nach Stuttgart fahren? Morgen früh ist auch noch ein wenig Zeit für die Präsentation. Ich blieb dennoch zu Hause; es war bereits 21 Uhr und ich hatte bisher nur meine Titelfolie. Die Nacht war lang. Die Ablenkung groß. "Sei unproduktiv." "Komm her." Mein Kopf bestand nur noch aus Kopfkino. {Please teach me gently how to breathe} Um halb 3 machte ich den Laptop aus - morgen ist auch noch ein Tag. Am nächsten Tag wurde die Präsentation um 11 Uhr fertig; um 12 Uhr musste ich los. Ich verließ das Haus, mir ging es gut - auch wenn vollkommen übernächtigt. Erst in der Bahn sitzend ging es los mit dem Zweifeln. Und doch trat ich in das Büro mit einem Lächeln, einem festen Händedruck und dem Gefühl, alles im Griff zu haben. Das war es dann auch, was mein Professor nach einer Stunde zu mir sagte. "Ich sehe, Sie haben wirklich absolut alles im Griff. Weiter so." Ich nickte zufrieden.

Das Fazit für mich ist, dass Prüfungsangst nicht einfach Prüfungsangst ist. Im Kern ist es einfach nur ein Selbstzweifel, welchen Ursprungs auch immer. Er sitzt tief. Manchmal so tief, dass man ihn nicht wahrnimmt - er einen aber doch immer begleitet. Der Glaube an einen selbst - an sein Können und Wissen - ist essentiell für alle Bereiche das Lebens. Das Verrücktmachen kann ein guter Adrenalinpush sein, so kurz vor der Prüfung; aber mehr als einen Tag lang sollte das einen nicht begleiten. Be strong, be yourself.



Was Mareike zum Thema "Prüfungsangst" zu sagen hat?

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