[Kolumne] Selbstexperiment: Drei Tage zu allem Ja sagen.

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05 August 2016

"Hm nein, heute nicht, du. Ich bleibe lieber zu Hause, ich bin schon etwas müde." "Ja, nee, das esse ich lieber nicht, heute habe ich schon zu viel gegessen, muss ja auf meine Linie achten." "Lassen wir das lieber, man könnte uns ja für komisch halten." Nein. So nicht mehr, habe ich mir gesagt. Auch wenn ich in letzter Zeit sowieso schon selten nein gesagt habe, so hieß es diesmal für drei Tage komplett nein zum nein. Denn wenn wir mal ehrlich sind: wie oft verzichten wir auf Dinge, auf die wir eigentlich Lust hätten, aufgrund von Faulheit, Unsicherheit oder sogar Angst?


Dienstag, 02.08.2016



Ich stehe auf. So beginnt das ganze also, ich sage ja zum Leben. Gut, das klingt nun etwas überzogen und nein, ich werde jetzt sicherlich nicht meine Prinzipien über Bord werfen, aber bis zu einem gewissen Grad muss ich jetzt wohl noch öfter über meinen eigenen Schatten springen.
Bei der Arbeit wird mir eine neue Kollegin vorgestellt - sie schreibt jetzt ihre Bachelor Thesis zu einem Thema, mit dem ich mich bisher befasst habe. "Hey, kannst du mir das heute irgendwie erklären und zeigen?" Ich schaue in meinen Terminkalender und sehe ein paar wenige Lücken - Lücken, die ich mir eigentlich behalten wollte, um in der  Zeit wenigstens ein wenig entspannter im Büro ein paar E-Mails verschicken zu können. "Klar!" sage ich statt dessen. "Hast du um 14 Uhr Zeit?" So sitzen wir dann da, ich trauer ein wenig um meine "Freizeit" - nach ein paar Sätzen sagt sie: "Omg, du trägst doch ein Harry Potter Shirt!" Wir kommen ins Gespräch. Sie spielt auch Pokémon. Den Spast hat sie auch auf Tinder kennen gelernt. Wir erzählen uns gegenseitig unsere verrücktesten Tinder-Stories. Ich liebe sie. Ja-Sagen hat sich gelohnt.

Nach der Arbeit treffe ich mich mit Anna in Metzingen. Da man sich mit Freunden im Normalfall gut versteht und sich in vielen Dingen sowieso einig ist, musste ich nicht oft großartig überlegen, ob ich nun zustimme oder nicht. Irgendwann fahre ich nach Hause und irgendwie hatte ich das schon so im Gefühl - meine Bahn bleibt mitten in der Pampa stehen, fährt nicht weiter, Anschluss weg. So sitze ich da, genervt und ohne Zigaretten. Schreibe mit ein paar Fuckboys und ein paar Netten. "Was machst du gerade?" "Ich sitze am Bahnhof und warte auf meinen Anschluss - geht noch eine halbe Ewigkeit." "Ich bin gerade in der Nähe - soll ich dich einfach mitnehmen?" Bum. "Ja." Fuck. Was habe ich da gerade gemacht? Habe ich einem fremden Kerl gesagt, er soll mich am Bahnhof abholen? Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Please, don't. So sitze ich da. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Mein Blick schweift langsam etwas panisch umher. Mein Handy tudelt. "Wie lange dauert es noch bis zu deiner nächsten Bahn? Ich könnte erst in 20 Minuten da sein." Mein Herz fängt wieder an zu schlagen - zehn Minuten später kommt meine Bahn schon und ich steige ein.


Mittwoch, 03.08.2016

Heute geht es auf Geschäftsreise nach Fast-Bayern. Meine Chefin holt mich mit dem Mietwagen mehr oder weniger vor der Haustüre ab und die Fahrt geht los. Vollkommen übernächtigt fängt der Arbeitstag schon viel zu früh für mich an - natürlich muss ich im Auto als Beifahrerin nicht viel machen, aber wenn man neben der Chefin sitzt, dann ist das eben nicht ganz so entspannt, auch wenn man sich hervorragend versteht. Nach knapp zwei Stunden fahrt fragt sie, ob wir einen Halt machen und einen Kaffee trinken sollen. Eigentlich will ich einfach nur durch fahren, den Termin hinter mich bringen und wieder schnell nach Hause. So müde war ich schon ewig nicht mehr. "Ja." Kaffee kann ja nicht schlecht sein, Kaffee ist eigentlich immer gut. Und das ist er auch.

Weitere Entscheidungen muss ich vorerst nicht treffen, Geschäftstermine lassen dafür ja sonst keinen großen Freiraum für ein Ja oder Nein, das ich mir selbst aussuche. Zu Hause mache ich erstmal einen Mittagsschlaf und denke, okay, das war es dann für heute. Nun, nicht ganz. Spätabends kriege ich noch eine Nachricht von meinem Exfreund... "Hast du nicht Lust, am Wochenende mit  mir Pokémon zu fangen?" Puh. "Ja, wieso nicht." Was mache ich da eigentlich gerade? Ich gehe lieber ins Bett und entziehe mich weiteren Entscheidungen.


Donnerstag, 04.08.2016

"Wie sieht es aus, bist du am Wochenende auf dem Sommerfest?" "Ja." (Zum Glück stimmt das tatsächlich) "Gehen wir gemeinsam hin?" "Ja." Okay, jetzt habe ich also ein Date. Er sieht gut aus, ist soweit ganz nett, also wieso nicht, alles cool.
Ich will aber eigentlich gar nicht mehr Ja sagen - wenn ein Ja einem gut tut, aber zu einem Zwang wird, dann ist das irgendwie nervig. Ein Ja-Sager hat immer einen negativen Beigeschmack; aber wenn man das ganze ehrlich betrachtet, dann sagen wir wirklich viel zu oft nein. Wie sich meine Entscheidungen dieser drei Tage noch auswirken werden, das erzähle ich euch gerne in einem "Another Tinderella Story" Post. Heute musste ich keine verrückten Entscheidungen mehr treffen, was mich dann doch entspannt hat.



Wie es Mareike beim Ja-Sagen ergangen ist?
>>KLICK<<



Kommentare on "[Kolumne] Selbstexperiment: Drei Tage zu allem Ja sagen."
  1. Ein verrückter Versuch, den ich mir nicht getraut hätte:
    Aber gut, ich kann auch nicht so einfach "Ja" sagen. Schließlich hängt an vielen Entscheidungen auch mein Partner mit dran... Trotzdem habe ich schon oft NEIN gesagt, obwohl ich es gut gebraucht hätte. Ausflüge, Einladungen, Projekte.

    Respekt für deinen Mut :)

    Liebe Grüße > sara

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  2. Mir fällt ehrlich gesagt das Gegenteil schwer, also das "Nein" sagen. Ich will andere nicht verletzten und stecke dann lieber selbst zurück.
    Aber nur mal ausschließlich Ja, sagen das wäre mal eine Erfahrung wert.

    Ich war grade überrrascht als ich Metzingen gelesen habe, musste dann gleich kurz schauen woher du kommst. Und wir wohnen einfach 45min. auseinander!
    Da war ich grad wirklich überrrascht!
    Ich mag deine Kolumnen sehr gerne, ich finde du schreibst total gut!

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  3. Hallo!:)
    Ziemlich mutig, einfach mal zu allem "Ja" zu sagen. Deinem Fazit stimme ich aber vollkommen zu: Man sagt viel zu oft "Nein" und verpasst dadurch viele Gelegenheiten und schöne Momente. Aber ab und an muss ein "Nein" halt doch mal erlaubt sein. ;)

    Liebe Grüße ♥

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