[Kolumne] Ran an die Wurst: Sind Veganer die besseren Menschen?

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15 Juli 2016
"Wie der Mensch in seiner Vollendung das edelste aller Geschöpfe ist, so ist er, losgerissen von Gesetz und Recht, das schlimmste von allen." - Aristoteles. 

Nach so einem Einstieg könnte man wohl meinen zu wissen, welchen Standpunkt ich bei der ganzen Vegetarismus/Veganismus Debatte vertrete. Aber nein, ihr werdet euch wahrscheinlich täuschen. Ich drehe die Zeit zurück - es muss 2006 gewesen sein. Mein moralisches Ich entschied sich dazu, vegetarisch zu leben. Es war mit meiner Ethik nicht mehr zu verbinden, mir das Fleisch von toten Lebewesen zuzuführen. Mir Leichen in den Mund zu stopfen und mir danach den Bauch zu streicheln. Denn ja, man tut nichts anderes. Drei Jahre später war ich an einem gesundheitlichen Tiefpunkt. Ich war beim Arzt und er meinte, ich müsse dringend ins Krankenhaus. Mein Eisenwert lag bei 3 µg/dl -  ein katastrophaler Wert, trotz Medikation tat sich bei mir nichts. Alle Infusionen und Mittel und Wege halfen nicht. Ich begann, wieder Fleisch zu essen - und es ging mir schlagartig besser. Mein Beispiel soll kein Argument dafür sein, dass Vegetarismus oder Veganismus nicht funktionieren. Nur bei mir eben nicht. Ich führe ja immer gerne das Beispiel der Nüsse an. Nüsse sind gesund und lecker und gut. Und nur weil es Nussallergiker gibt, heißt es nicht, dass sie anderen nicht gut tun können. Mein Standpunkt sollte also klar sein.

Zu Beginn kam ich auf die Situation überhaupt nicht klar. Mein Gewissen, meine ganze ethische Einstellung musste ich auf den Kopf stellen und den Kopf dabei sogar ausschalten. Ich stand leider an der Entscheidung zwischen meinem eigenen Leben und dem Leben von anderen - und da kann mir niemand erzählen, dass er anders entschieden hätte als ich. Es ist der natürliche Drang, sein eigenes Leben zu retten. Auf diesem Weg hat mir der Ethiker Albert Schweitzer sehr geholfen. Er vertrat die Meinung, dass es nicht rechtens sei, eine Weltrangordnung von Lebewesen zu erstellen, da diese immer von einem eigenen Urteil, einer eigenen, subjektiven Meinung abhängig sei. Jedes Leben muss moralisch also gleich berücksichtigt werden, bis zu dem Punkt, an dem es für uns selbst keine andere Alternative gibt. So wie eben bei mir. Aber hier soll es nicht um Schweitzer gehen (auch wenn seine Ethik wirklich gerne weitaus mehr Beachtung finden dürfte, toller Kerl, wenn ihr mich fragt).

Das Thema hat mich also durchgängig beschäftigt und somit habe ich es auch in meinem mündlichen Abitur behandelt - "Darf man das Fleisch von Tieren essen?" war meine Fragestellung. Unabhängig von meiner Meinung, sondern aus den verschiedensten moralischen und ethischen Blickwinkeln betrachtet. Ich habe hierzu verschiedene Weltbilder in Betracht gezogen, deren Namen ich leider alle schon nicht mehr kenne - aber ich weiß noch, dass wenn man selbst das Weltbild betrachtet, bei dem der Mensch sich als König an die Nahrungskette stellt, es dennoch verwerflich ist, sich dem Fleischkonsum hinzugeben. Zumindest so, wie er heutzutage gehandhabt wird. Massentierhaltung, keine Reue, Antibiotika, verdrehte Tatsachen. Beschönigung. Ich esse mein Fleisch, ohne die ganze Zeit Schmerz dabei zu verspüren - aber ich finde es wahnsinnig wichtig, sich dessen bewusst zu machen, was man eigentlich tut. Dass der Chicken Nugget eigentlich aus lebendig zerfetzten Küken besteht; männlichen Küken, wenn mich nicht alles täuscht. Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind Vegetarier und Veganer natürlich die besseren Menschen - auch ganz gleich, aus welchen Gründen sie sich dieser Ernährungsform hingeben. Es wird ja so oft von den "echten Veganern" herum geheult, dass es voll inakzeptabel sei, dass es so viele Trendhuren auf diesem Gebiet gibt. Ist das euer Ernst? Ist es verwerflich, dass Gutes passiert, egal aus welchen Beweggründen? 

Meine Wortwahl in den letzten paar Sätzen war übrigens sehr bewusst gewählt. Vegetarier und Veganer sind unter diesem Aspekt natürlich die besseren Menschen. Aber ein Veganer, der seine Frau schlägt oder das Nachbarsmädchen vergewaltigt? Hitler war übrigens auch Vegetarier. Besserer Mensch? Nein. Ein guter Mensch besteht aus so vielen verschiedenen Teilgebieten und Aspekten; es sind die täglichen Kleinigkeiten und die großen Entscheidungen. Ein guter Mensch macht auch Fehler und ein guter Mensch kann auch mal schwach sein; oder in manchen Ecken auch immer schwach sein. Das macht ihn nicht weniger gut - und es macht einen Hitler auch nicht zu einem besseren Menschen, weil er auf Fleischkonsum verzichtet. Ein Mensch und seine Moral, sein Handeln, um die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, lassen sich nicht auf einen Bruchteil seines Lebens herunterbrechen. Es ist nicht alles schwarz oder weiß, die Welt schillert in Millionen von Grautönen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Auch wenn wir durch den Konsum von Tieren und tierischen Produkten empfindungsfähigen Lebewesen die Möglichkeit nehmen, weiteres Glück zu empfinden (vgl. Peter Singer), und dies per se nicht in Ordnung sein kann, so darf man diese Tatsache nicht einfach über einen Kamm schären. Ein (gutes) Leben besteht nämlich aus der Summe aller unserer Entscheidungen.


Was Mareike zu diesem Thema zu sagen hat?
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1 Kommentar on "[Kolumne] Ran an die Wurst: Sind Veganer die besseren Menschen?"
  1. interessanter post! ich wusste, dass hitler vegetarier war, aber für mich hat das irgendwie nie zusammengepasst..aber wie du schreibst, es kommt auf mehr an.
    Ich ernähre mich seit 4 Jahren vegetarisch und mittlerweile habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen kann :)
    liebe grüße, gabi <3

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