[Kolumne] A Tinderella Story: Online auf der Suche nach Prinz Charming.

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13 Mai 2016


"Wieso mache ich das eigentlich?", sagte sie und ich lachte. "Mittlerweile sollte ich mich doch mit meinen drei Katzen zufrieden geben und als alte Katzenlady sterben. Und trotzdem lasse ich mich immer wieder darauf ein!" Ich lache noch mehr. "Der hat gestern doch einfach wirklich seinen Schwanz raus geholt. Einfach so. So zur Begrüßung. Hallo, ich bin Paul und das ist auch Paul, wollt ihr euch nicht die Hände schütteln? Hat er natürlich nicht gesagt - aber ugh." Ich kann nicht mehr. "Was hast du eigentlich dann gemacht?" "Ich habe gefragt, ob ich meinen Schwanz auch rausholen soll, damit wir einen Vergleich machen können. Dann ist er weg gerannt. Ich weiß ja, dass es irre Menschen gibt. Und auch, dass das Internet nicht frei von ihnen ist. Aber warum ich? Er war beim Schreiben noch so... nett." Eine wahre Geschichte, über die ich immer noch herzhaft lachen muss. Natürlich hat er ihr seinen Penis nicht direkt zur Begrüßung in die Hand geklatscht und sie hatte genauso wenig ein Gemächt. Aber der vermeintliche Traumprinz hatte seinen (anscheinend wirklich kleinen) besten Freund nicht unter Kontrolle und meine Freundin hat nach diesem Tag dem Onlinedating für immer den Rücken gekehrt. 


Irgendwie hört man ja immer wieder, dass "heutzutage" und "in der momentanen Zeit" leider die Liebe immer wieder über das Internet gesucht wird, aber irgendwie ist den wenigsten bewusst, dass das Phänomen des Onlinedatings schon viel älter ist, als man das so im Gefühl hat. Wir begeben uns zwölf Jahre in die Vergangenheit; ich habe mein erstes Handy bekommen und war stolz wie Bolle - nur leider hatte sonst kaum jemand von meinen Freunden ein Handy. Austoben wollte ich mich aber dennoch und der RTL SMS Chat schien mir dafür perfekt zu sein. Ohne Hintergedanken schrieb mein 12-jähriges Ich irgendwelche Menschen an; "18 m nrw du" und ähnliche Nachrichten musste ich erstmal lernen zu entziffern. Schnell habe ich auch gemerkt, dass es nicht so gut ankommt, wenn ich mein echtes Alter hinschreibe, also wurde ich zu "16 w bawü". Nach einer halben Stunde fragte mich René aus Ludwigsburg, ob er mich anrufen kann. Klar durfte er. Das Gespräch war allerdings nicht von langer Dauer - ich erinnere mich noch daran, wie er erzählte, er sei Berufssoldat und warte gerade am Bahnhof auf seinen Zug Richtung Kaserne. Mein junges Ich war ganz beeindruckt und ich fragte ihn nach seinem Alter. "Ich werde in drei Tagen 23, am 10. Januar." "Wooooow, das ist voll cool. Meine Mama hat auch am 10. Januar Geburtstag!" Es folgte ein langes Schweigen. "Wie alt bist du nochmal?" Ich legte auf.



Zu einem Date ist es natürlich nicht gekommen, denn das war ja auch nicht mein Ziel. Erst zwei Jahre später gab es die Prämiere. Wenn ich mir vorstelle, was ich mit 14 so alles gemacht habe - ich würde heute mein Kind dafür Hausarrest geben, bis es 18 wäre. Es waren Zeiten von ICQ und irgendwie schrieb man früher oder später  mit irgendwem, den man eigentlich gar nicht kannte. So war das auch mit Patrick. Wir beschlossen recht schnell, dass wir uns mal sehen müssten und so kam er zu mir; einfach so. Nach der Schule fuhr ich zum Bahnhof, holte ihn ab, wir fuhren zu mir nach Hause, er gab mir meinen ersten Kuss und war halt einfach mal mein Freund. Einen Monat später schrieb mich Konstantin an - ein sehr hübscher Junge. Obwohl es da noch Patrick gab, traf ich mich mit Konstantin in Stuttgart. Wir gingen skaten oder so. Ganz ehrlich, ich kann mich nicht mehr so richtig daran erinnern - ich erinnere mich nur noch daran, dass unser Abschied ganz wahnsinnig seltsam war und ich da schon wusste, wir würden nie wieder miteinander schreiben - und das taten wir dann auch tatsächlich nicht. Erst wieder viele Jahre später, aber das ist eine andere Geschichte. Auch meinen nächsten Freund lernte ich online kennen; erst sechs Monate später trennten wir uns wieder. Das Verrückte ist: ich kann eindeutig behaupten, wenn wir uns nicht kennen gelernt hätten, wäre ich wahrscheinlich ein ganz anderer Mensch geworden - und das kann ich nicht von vielen Menschen behaupten.

Es ist verrückt. Während ich in meinen jungen Jahren all das durchlebt habe, was die meisten erst heute als eine kleine Revolution empfinden, so stehe ich Onlinedating trotzdem sehr zwiegespalten entgegen; auch wenn das nicht dem Onlinedating an sich anzuheften wäre, sondern den Menschen, die dahinter stecken. Der ganz große Kritikpunkt ist immer der, dass ja sowieso nur nach jemandem zum Vögeln gesucht wird. Glaubt man aber wirklich, dass das im "wahren" Leben anders ist? Dass man in der Disco immer angetanzt wird, weil man den Charakter total super findet? Nein. Fortpflanzung ist meistens das Thema, nur dass beim Abwickeln von Onlinedates Hemmungen viel eher fallen und man vielleicht schneller zum Punkt kommt. "Bock zu ficken?" ist vielleicht nicht die charmanteste Art, aber gleichzeitig auch die ehrlichste, ohne dass einem falsche Hoffnung durch ellenlange romantische Nachrichten oder  diversen Candle-Light-Dinner gemacht werden. Was spricht schon dagegen. Wer Sex will, soll auch Sex kriegen. Wer Liebe will, sollte vom anderen gesagt kriegen, dass er lieber Sex hätte. Klingt doch nur fair.


Mittlerweile passiert doch fast alles online und unser Smartphone haben wir meistens irgendwie zur Hand. Das Warten auf einen Liebesbrief ist zwar romantisch, dauert aber unter Umständen eine ganze Weile. Vielleicht lohnt sich das Warten, aber seien wir mal ehrlich: wenn wir uns verlieben wollen, dann doch nicht erst in ein paar Wochen, sondern am besten soll die Liebe sofort einschlagen und BAM machen. Ob aus einem Chat oder einem Treffen mehr wird? Weiß man nicht. Aber das weiß man auch nicht, wenn man den Kerl im Supermarkt kennen gelernt hat. Vielleicht sitzt hinter der nächsten Kasse, an der du bezahlen möchtest, dein Traumprinz. Vielleicht findest du aber deine persönliche Tinderella Story im World Wide Web.




Wie Mareikes bisherigen Erlebnisse
mit Onlinedating waren?
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Kommentare on "[Kolumne] A Tinderella Story: Online auf der Suche nach Prinz Charming."
  1. Das ist ein interessantes Thema, über das ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht habe. Ich halte intuitiv nicht viel vom Online-Dating, da ich auf tolle Stories stehe und mir doof vorkomme über Facebook oder diverse Portale extra fürs Daten nach einer Bekanntschaft zu suchen. Aber du hast schon Recht - auch mit Typen, welche ich total zufällig irgendwo getroffen habe, und wo es danach zunächst ziemlich filmlike verlief, funktionierte es oftmals nicht.
    Dennoch: Ich warte lieber,als mir über das Internet was zu suchen. Auch wenn ich es überhaupt nicht schlimm finde, wenn andere ihr Glück versuchen.

    xx Ana
    www.disasterdiary.de

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  2. Ich finde Online Dating eigentlich super. Manchmal passiert es einfach, dass man in seinem Alltag nur selten Leute kennenlernt und das kann einem dann helfen, jemanden zu finden. Ich persönlich habe meinen Freund auch über eine Datingseite kennengelernt. Wir sind seit zwei Jahren zusammen und haben auch schon eine gemeinsame Wohnung. Sein Bruder hat seine Freundin (mit der er auch schon zusammen lebt) über Tinder gefunden, das gleiche bei einem Freund von mir. :) Ich glaube, man muss einfach echt gut selektieren können, damit man "gute" Männer findet, aber das ist echt schwer. Ich kann mich noch erinnern, wie viele Sex-Anfragen ich damals bekam. Dabei war ich eigentlich nur aus Jux da angemeldet, nicht, um jemanden zu finden.

    Liebe Grüße von der Alice :)

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