[Kolumne] Acht Bier sind kein Bier - Ohne #reallife, dafür mit #verafake

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20 Mai 2016


"In Wurst sind Vitamine drin. In Leberwurst, in Schinkenwurst und Erdbeerkäse. Für mich ist wichtig: gesundes Essen, frisches Essen. Weil es gesund ist." Wer kennt diese Ausgeburt an Intelligenz aus Frauentausch namens Nadine nicht? Ich lache selbst, amüsiere mich köstlich. Selbst jetzt, als ich mir das aus Recherchegründen nochmals angeschaut habe - und wie das nun mal so ist, klickt man sich von einem YouTube-Video zum nächsten. Irgendwann hat man sie dann durch - jede zerstörte Seele. Und man beginnt sich zu schämen. Scham beginnt bekanntlicherweise dann, wenn man merkt, dass das, was man gerade macht oder denkt, einfach nicht rechtens sein kann. Reality TV - zwischen Voyeurismus und dem Versuch, sein eigenes Dasein durch das Scheitern der anderen aufzupushen.

Ich will es nicht leugnen: ich habe schon immer gerne das geschaut, was man als Reality-TV bezeichnet. Castingshows, das Hartz-IV-Fernsehen am frühen Nachmittag, Quiz-Formate oder die in den 90ern so gehypten Talkshows. Als 12 Jährige hielt ich damals das meiste auch wirklich für absolut echt. Mein logischer Verstand sagte mir, dass Filme oder Serien mit einem Script das eine seien und diese reellen Sendungen mit diesen reellen Menschen etwas ganz anderes. Irgendwie war das alles so neu und aufregend, dass eine Hinterfragung nicht als Option von mir gewertet wurde. Lange hat es dann aber auch bei meinem jungen Ich nicht mehr gebraucht, bis ich merkte, dass da einfach etwas nicht stimmen kann. Geschaut habe ich es trotzdem. Wieso denn auch nicht, dachte ich mir. Ob ich nun in einem Hollywoodfilm bei einer unechten Liebe mitfieber oder bei Bauer sucht Frau - wo ist der Unterschied? Ob ich den Bösewicht in der Serie hasse oder den Ollen bei Frauentausch nicht ausstehen kann - who cares? Dass aber hinter all dem echte Menschen mit echten Hoffnungen standen und immer noch stehen - das habe ich für mich erst viel zu spät so richtig verstanden.


Jan Böhmermann, mein persönlicher Superheld, hat letzte Woche mit seinem #verfake einen wahren Skandal aufgedeckt, der eigentlich schon immer klar war, sich aber zum einen die wenigsten so richtig bewusst machen wollten oder zum anderen die handfesten Beweise bisher gefehlt haben. Um was es dabei ging, könnt ihr euch in diesem Video nochmals zu Gemüte führen.



Der Voyeurismus, der dahinter steckt, aus dem Blickwinkel des Zuschauers, finde ich um ehrlich zu sein gar nicht so schlimm. Wir fiebern gerne mit anderen mit. Versetzen uns in fremde Leben. Spinnen uns unsere eigenen Realitäten zusammen, vergleichen uns. Nüchtern betrachtet hat das Lesen eines Buchs den gleichen Ursprung, ohne nun auf die Qualität eingehen zu wollen, die hinter beidem steht. Der Kern bleibt vergleichbar. Erschreckend ist viel mehr der Umgang, die Ausbeutung und die Verschleierung dessen. Es ist eben nicht jedem klar, worauf er sich dort einlässt. Es gibt Menschen, die sehen in jedem nur das Gute und glauben nicht daran, dass man ihnen etwas Böses will. Es werden Verträge unterschrieben, schlimme Dinge unter den Teppich gekehrt und Dinge, die bis dato gar nicht existent waren, werden als vermeintlich echt dargestellt. Sicherlich gibt es genügend Personen, die der Meinung sind, dass man selbst schuld ist, wenn man so viel Dummheit besitzt, das alles mit sich machen zu lassen. Zum Teil, vielleicht. Doch 'dumm' oder 'leichtgläubig' zu sein ist das eine; diese Tatsache schamlos auszunutzen, die Menschen in ihrem tiefsten Inneren zu verletzen und alles in den Dreck zu ziehen, was irgendwie möglich ist: das ist das andere.

Doch solang es Zuschauer gibt, die trotz dieses Wissens ihre tägliche Portion Assi-TV konsumieren, solange wird sich nicht viel an diesem Konstrukt ändern. Eine Straftat wird erst dann zu einer Straftat, wenn man sich dabei erwischen lässt. So denke ich, dass lediglich die Verschleierung dieser Machenschaften noch gehievter wird, als bisher. Böhmermann is watching you - vielleicht besteht ja doch noch Hoffnung.

Was Mareike zu dem Thema sagt?
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Nächste Woche geht es weiter mit "Another Tinderella Story - das Selbstexperiment."
Stay tuned!
1 Kommentar on "[Kolumne] Acht Bier sind kein Bier - Ohne #reallife, dafür mit #verafake"
  1. So ein geiler Post!! Ich muss sagen ich schaue schon seit ich 14 bin kein RTL mehr - irgendwann hatte ich einfach ein schlechtes Gefühl dabei und konnte mir das einfach nicht mehr geben. Jetzt weiß ich woran das liegt. Es ist Menschenentwürdigend! Und noch viel schlimmer ist es, dass RTL noch nicht mal innerhalb rechtlicher Grenzen handelt - dachte bisher sie nutzen Menschen zwar schamlos aus, verhalten sich aber juristisch rechtmäßig. Unglaublich! Schön, dass du immer auch über ernste Themen schreibst, mag das in der Bloggerwelt serh sehr gerne!

    xx Ana | www.disasterdiary.de

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