[Kolumne] Abenteuer vs. Idylle: Kleinstadtmädchen mit Großstadtträumen

on
08 April 2016

"Wo kommst du eigentlich her?" "Sagt dir sowieso nichts." "Doch, bestimmt, ich kenne mich hier ganz gut aus." "Weilheim an der Teck." "..." "Sag ich doch." Immer. Das Gespräch ist bisher nur sehr wenige Male anders abgelaufen. "Sagt dir Kirchheim etwas?" "Hmmm... irgendwie... ich weiß nicht." "Da fährt die S1 aus Stuttgart hin. Endstation." "Achso, ja na klar!" "Ja - und dann nochmals ein Stückchen weiter ins Verderben, da findest du dann Weilheim." Es ist mittlerweile wie ein kaputter Plattenspieler, der sich immer und immer wieder wiederholt.



Ich bin nicht hier geboren, da meine Wurzeln in Polen liegen, aber doch habe ich die meiste Zeit meines Lebens hier verbracht. Irgendwo, am Ende der Welt, mit 9500 anderen Bewohnern. Eine stattliche Zahl - dass es Dörfer mit weitaus weniger Einwohnern gibt, das weiß ich natürlich - ich habe selbst mal in einem gewohnt. 1800 Einwohner und ein kleines Fräulein Bird, das schon immer fort fliegen wollte.


Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie ich ungefähr zehn Jahre alt war und den Drang hatte, so langsam die Welt entdecken zu wollen. Schnell habe ich fast alle Ecken in Weilheim durchforstet gehabt. Es war alles schön, das muss ich schon zugeben. Aber der Ort, der selbst beim fünften Besuch noch faszinierend war, war leider nicht dabei. Mit dem Bus in die Nachbarstadt fahren, das hat mir meine Mama damals noch nicht erlaubt. Erst drei Jahre später durfte ich dann mit meinen Freundinnen durch Kirchheim wandern und durfte feststellen, dass die Welt da draußen etwas anders aussieht. Dass eine Müller-Filiale mehr als ein Stockwerk haben kann und dass es dort sogar CDs gibt! Meine Entdeckung des Jahrhunderts. Schnell wurde mir auch diese Welt zu klein und meine Großstadtliebe begann zu entfachen. Ich wurde zum Stuttgart-City-Girl.



Parties und Konzerte blieben aber zunächst auf Kirchheim beschränkt - ja, früher war das eben ein wenig anders. Doch schon das war so schwierig mit meinem Leben auf dem Dorf zu verbinden. Thema öffentlicher Nahverkehr - von Weilheim aus ging das noch ganz gut, auch wenn der letzte Bus nach Hause schon um 22.30 Uhr fuhr. Während ich noch zwingend nach Hause musste über Nacht war ich leider immer der Arsch, der schon die Party verließ, bevor sie überhaupt angefangen hatte. In Neidlingen sah das ganze noch viel schlimmer aus - das Schönste war übrigens Sonntags: zwischen 14 Uhr und 20 Uhr kam nichts, dann ein Bus und dann wieder nichts. Man kam weder raus noch rein. Diese Tatsache führte zwar damals dazu, dass ich mit meinem Liebsten die erste Nacht verbrachte, weil er eben diesen letzten Bus nach Hause verpasste, und wir seitdem ein Paar sind, aber bis auf diese eine bestimmte Situation war der Bus-Status grundsätzlich blöd. Auch heute noch nagen die Öffentlichen an mir - zwar wurde das Netz um Welten verbessert, aber später als 1 Uhr geht auch nicht mehr viel. Meh.



Shoppingmöglichkeiten gibt es natürlich keine, aber was den alltäglichen Gebrauch angeht sind wir doch sehr gut versorgt. Alle gängigen Discounter, eine Drogerie, diverse Bäckereien, Tankstellen, eine Eisdiele, Restaurants, ein Schreibwarenladen - eigentlich alles, was man so zum Leben braucht. Außer das Leben. Hier ist es tot, mucksmäuschenstill und einfach langweilig. Ich kenne das Leben in der Großstadt nur zu gut - aufgrund meines Studiums und diversen Jobs bin ich viel herum gekommen und ich weiß, was der Großstadttrubel bedeutet. Ich weiß was es heißt, eine Meute an einkaufswütigen Leuten im Edelkaufhaus zu bedienen und danach durch eine Masse an Party-PeoplezZz zu laufen. Ich kenne dieses Gefühl - und ich liebe es. Natürlich bin ich nach der Arbeit müde und will dann auch endlich meine Ruhe, aber nichts gibt mehr Ruhe als das Leben selbst. So viele verschiedene Menschen, Charaktere und Geschichten, die so konzentriert auf einem Fleckchen sind. Du kannst dieses Leben förmlich riechen - ein Geruch, den ich so sehr vermisse; jeden Tag aufs neue.



Als ich vor ungefähr zwei Monaten in London war habe ich zum ersten Mal erlebt, was ein echtes Großstadtleben bedeutet - ich hatte Angst davor, mein idyllischer Traum würde zerplatzen und es würde mir vielleicht doch zu viel werden. Nein. Ich habe mich noch nie so sehr zu Hause gefühlt wie dort. Ein Gefühl von Zugehörigkeit und Einsamkeit zugleich - mit der Möglichkeit, sich jede Sekunde für das eine oder andere zu entscheiden. Hier habe ich keine Entscheidungsfreiheit. Hier habe ich immer einen Namen - jemanden, der mich begutachtet. Es wird getratscht, alles was über Jeans und T-Shirt hinausgeht überaus skeptisch betrachtet und irgendwie wissen alle mehr über dich, als du selbst. Es ist eine Art Ohnmacht, mit der ich nicht für immer leben kann oder will.

Natürlich will ich irgendwann Kinder, Haus, Garten - die typische Familienidylle. Doch niemals auf dem Dorf. Gerne am Stadtrand, gerne verzichte ich für mein Kind auf das pralle Großsstadtleben. Aber da ist die Grenze dann auch erreicht. Ich will Offenheit, Kulturen, Freiheit, Selbstbestimmung. Alles, was mir das Dorf nicht geben kann. Ich bin ein Kleinstadtmädchen mit Großstadtträumen, die nur darauf warten, erfüllt zu werden.



___________

Was das Berlin-City-Girl Mareike dazu sagt?
>>KLICK<<

Wo seid ihr aufgewachsen? Dorf oder Stadt?
Hätte ihr das Leben dort gerne eingetauscht?

Erzählt es mir!

Kommentare on "[Kolumne] Abenteuer vs. Idylle: Kleinstadtmädchen mit Großstadtträumen"
  1. Interessanter Beitrag! Ich selbst komme aus Sankt-Petersburg also eine ziemliche Großstadt. Aufgewachsen bin ich allerdings in einem Dorf und vor kurzem habe ich noch in Stuttgart gewohnt. Ich muss sagen, beides hat seine Vor- und Nachteile. Auf dem Dorf mochte ich die Ruhe und die Tatsache, dass alles viel ruhiger zuging. In Stuttgart mag ich wiederrum den Trubel und die Verkehrsanbindung. Ich glaub, wenn ich wählen könnte würde ich immer wieder nach Stuttgart ziehen. Sich keine Gedanken machen wann die nächste Bahn kommt, alles was man braucht direkt vor der Tür zu haben und Uni bzw. Arbeit ist auch in Reichweite - das alles sind Gründe, weshalb ich das Leben in Stuttgart liebe.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Genau das! Ich denke vor allem auch, wenn man zB am Rande einer Großstadt lebt - in irgendeinem schönen Vorort - dann glaube ich hat man es fast am besten. Man hat die Stadt direkt bei sich, kann sofort in den Trubel hinein hüpfen. Oder eben auch nicht.

      Das wäre so mein Wunsch für die Zukunft :)

      Löschen
  2. Komme aus einer Stadt mit ca. 13000 Einwohner es mag sich viel anhören aber es ist wie ausgestorben hier. Alle paar Monate macht hier ein neuer laden auf und kurze Zeit später schließt er wieder weil es sich nicht lohnt ansonsten geht hier nix es gibt Aldi Lidl Edeka ein Schubladen der schon Jahre die gleichen Treter im laden hat dann gibt's ein Klamotten laden für Frauen dann gibt's zwei Eisdielen wobei da das ein nicht schmeckt es gibt ein ärztehaus mit den Allgemeinmedizin die es vorher schon gab keine apotheke beim Ärztehaus dafür aber am anderen Ende 3 verschiedene Apotheken typisch für unser Ort totale fehlplanung und so es gibt keine Apotheke beim Ärztehaus dafür aber keine 10 Meter weiter ein neues EdekaEdeka und eine riesen Terrasse die keine sau nutzt und das Ende ist über 2 Stockwerk aber das obere ist nur leere Fläche wo zwei Aufzüge sind die schwätzen des isch voll nervig ansonsten gibt es noch paar Kneipen und das wars LG Joni von http://kochjonis.blogspot.de

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Deine Beschreibung kommt mir sehr bekannt vor! Hier in meinem Ort fehlt so einiges und manches ist ebenso total falsch geplant - gleich vier Apotheken! Schöner fänd ich mal etwas für die Jugend, damit hier auch mal wieder ein wenig Leben ins Dörfle kommt.

      Löschen
  3. Komme aus einer Stadt mit ca. 13000 Einwohner es mag sich viel anhören aber es ist wie ausgestorben hier. Alle paar Monate macht hier ein neuer laden auf und kurze Zeit später schließt er wieder weil es sich nicht lohnt ansonsten geht hier nix es gibt Aldi Lidl Edeka ein Schubladen der schon Jahre die gleichen Treter im laden hat dann gibt's ein Klamotten laden für Frauen dann gibt's zwei Eisdielen wobei da das ein nicht schmeckt es gibt ein ärztehaus mit den Allgemeinmedizin die es vorher schon gab keine apotheke beim Ärztehaus dafür aber am anderen Ende 3 verschiedene Apotheken typisch für unser Ort totale fehlplanung und so es gibt keine Apotheke beim Ärztehaus dafür aber keine 10 Meter weiter ein neues EdekaEdeka und eine riesen Terrasse die keine sau nutzt und das Ende ist über 2 Stockwerk aber das obere ist nur leere Fläche wo zwei Aufzüge sind die schwätzen des isch voll nervig ansonsten gibt es noch paar Kneipen und das wars LG Joni von http://kochjonis.blogspot.de

    AntwortenLöschen
  4. Oh ich kann deinen Text so gut nachfühlen!

    Ich bin auch in einem knapp 1000-Seelen-Dorf am Landkreisrand groß geworden.
    Eigentlich bin ich froh darüber, denn als Kind kann einem nichts besseres passieren, als naturnah und fern von dem Großstadtwahnsinn aufzuwachsen. Doch irgendwann wird man älter und es reicht einem nicht mehr mit 3 guten Freundinnen Sleepoverparties zu veranstalten. Leider fuhr der letzte Bus kurz vor um 11 und bei Leuten schlafen, die meine Eltern nicht kannten, wollten sie mir nicht erlauben.

    Doch das ist das kleinste Problem gewesen. Mir lag nie viel an Partys. Denn ich mochte die Menschen nicht, die mich begleitet hätten. Und da ist das Dorf gnadenlos: Wenn du anders bist oder sie dich nicht mögen/ du dich nicht wohl fühlst, bist du am Arsch.

    mit 16 zog ich wegen der Ausbildung allein in eine WG in eine richtige Stadt. Man lernt es lieben und wünscht sich mehr Anonymität. Ich liebe es, nicht jeden Schritt erkannt zu werden.

    Liebe Grüße > sara

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich bin voll auf deiner Seite, Sara! Genau so geht es mir auch!

      Löschen

Ich behalte mir vor unfreundliche, gemeine und einfach unangebrachte Kommentare ohne Vorwarnung zu löschen. Ansonsten ist jeder gerne willkommen, um viel Liebe in das Kommentarfeld zu schicken ;)