[Kolumne] Trennungen auf Zeit und Abschiede für immer.

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19 Februar 2016



Gedankenflug - eine Kolumne, die sich mit alltäglichen Themen der heutigen Zeit befasst und diese
vor allem aus zwei verschiedenen Richtungen, ganz unabhängig von einander durchleuchtet.


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Da liegt es einfach da. Dieses eine Schnurrhaar. Das Überbleibsel, das mein Herz wieder zum Brechen bringt. Tausend kleine Risse, die sich fein über meine Seele legen - wahrscheinlich für immer. Sechs Tage ist es nun her, dass mein kleiner Hasenmann gestorben ist. Sechs Tage absolute Leere, die ich versuche mit viel Arbeit und Liebe zu füllen.

Abschiede verfolgen mich schon mein ganzes Leben. Angefangen hat das ganze bereits als ich noch ganz klein war. Im zarten Alter von drei Jahren überließ mich meine Mutter in die liebevollen Hände meiner Oma und zog nach Deutschland, um Arbeit zu finden. Den Vater musste ich schon viel früher gehen lassen; in die Arme einer anderen Frau und in eine Welt, in der für mich keinen Platz war. Meine Mama kam schnell wieder, holte mich und ich - ich sagte 'dowidzenia' zu Oma, Opa, Tanten und Onkeln. Cousinen und Hunden. Und allen Freunden und dem, was ich meine Heimat nannte. Ein neues Leben, eine neue Heimat wartete auf mich. In Deutschland wartete nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch ein neuer Vater auf mich. Meine Mama hatte einen Mann kennen gelernt und ich sagte zur Begrüßung direkt 'Papa'. Zum Glück war das okay, ich wünschte mir nichts sehnlicher als das. Zu dem Zeitpunkt war ich fünf Jahre alt.
Genau zehn Jahre später musste ich zu diesem Papa wieder 'tschüss' sagen. Er ging - für immer. Eines Tages kamen wir nach Hause und da hing er einfach auf dem Dachboden. Mit ihm ging nicht nur ein Mensch aus meinem Leben, nein, meine gesamte Welt wurde auseinander gerissen. In dem Haus konnten wir nicht mehr wohnen bleiben - meine Eltern waren Gastronomen; im unteren Teil des Hauses war die Arbeit, oben wohnten wir. Auf einen Schlag war alles weg. Komplett. Wieder hieß es Abschied nehmen von absolut allem, was bis dahin da war. Auch meiner Seele, die zu dem Zeitpunkt einfach nicht mehr vorhanden war. Irgendwann baut man sich eine sehr harte Schale auf, wirkt von außen unnahbar und gar vielleicht eingebildet. Aber wie soll es denn auch anders sein - wie soll man wieder jemanden in seine Welt lassen, wenn die größte Angst es ist, dass man wieder und wieder und wieder verlassen wird?

Meine erste Beziehung hatte ich ungefähr zu dieser Zeit - Mister A durchlebte diese Zeit mir mir sehr intensiv. Er war mindestens genauso kaputt wie ich und beschrieb uns ziemlich gut: 'Wir zerstören uns gegenseitig, aber niemand versteht uns so gut wie wir.' Es war eine Fernbeziehung, was mich noch weitaus mehr verrückt machte. Immer diese Bahnhöfe, immer diese Küsse, die in Tränen mundeten. Immer diese Treffen mit Ablaufdatum. Ein Ablaufdatum hatten auch wir, aber das war gut so - sonst hätten wir uns irgendwann bis zum Schluss zerstört.
Mister M trat in mein Leben und alles war irgendwie anders. Er stand mitten im Leben, selbstbewusst, hatte eine wunderbare, intakte Familie - und er wollte mich. Im Nachhinein weiß ich, dass er nie hätte der Richtige für mich werden können, aber er war etwas wahnsinnig Wichtiges in meinem Leben. Er zeigte mir, dass ich wertvoll bin - dass das Leben mehr bietet, als diese Trauer, die in mir steckte. Doch auch er ging plötzlich. Ihr kennt doch diese rhetorische Frage - 'Liebst du mich?' Er sagte: 'Nein, eigentlich nicht mehr.' Ein weiteres Mal zerbrach mein Herz und ich wurde leer. In meiner seelischen Verfassung wurde ich tatsächlich sehr depressiv, hegte Selbstmordgedanken - ein Loch, das sich lange an mir fest hielt. Nach außen war da nicht viel - wie immer hielt meine Schale stand. Plötzlich kam dann Mister C. Da mir sowieso alles egal war und ich nicht daran dachte, dass jemand noch lange an meiner Seite bleiben würde, ließ ich ihn in meine Welt rein. Seltsamerweise wollte er nicht mehr gehen und das machte mich verrückt. Täglich weinte ich, täglich hatte ich Angst, auch er würde irgendwann gehen wollen. Ich sei es nicht wert und werde es niemals sein. Noch einen Abschied wollte ich nicht mitmachen, noch eine Trennung wollte ich nicht. Ein weiteres Herz, das man brechen konnte, das konnte ich nicht aufbringen - da war nichts mehr. Und er blieb - bis heute.

Mein Herzmann hat mich aus diesem Loch gezogen, auch wenn es zwischendrin schien, als würde ich ihn selbst in dieses Loch reinfallen lassen. Wenn du dich selbst nicht liebst, wie soll es ein anderer? Und wenn du so oft fragst, ob nicht jemand gehen will - irgendwann verspürt er vielleicht genau deswegen den Wunsch, tatsächlich zu gehen. Doch er war der Mensch, mit dem passenden Schloss, um das offene Tor an Schmerz und Wunden nach und nach zu schließen. Ihr wisst, wie ich nun zu mir fand - wieder ein vollständiger Mensch wurde, der sich für mehr hält, als eine leere, unliebsame Hülle.

Und dann kommt es zu Momenten wie diesen. Ich weiß noch, wie ich am Mittwoch in der Baker Street stand, auf den Shuttle zum Flughafen wartete. "Wisst ihr, worauf ich mich am meisten freue? Mein Hansi. Der wackelt aber mit den Ohren, wenn ich wieder komme!" Doch es wackelte niemand mit den Ohren. Er lag teilnahmslos da, schaute mich an und ich sah nichts mehr in seinen Augen. Er aß nichts. Auch am nächsten morgen hat er nichts angerührt - ich habe ihn zwangsernährt mit einer Spritze und einem Brei. Er wurde immer schlapper. Er hoppelte ganz träge nach draußen, stolperte dabei, legte sich in die Sonne. Ich ging zu ihm und er legte seinen Kopf in meine Hände. Eine Stunde später fuhren wir zum Tierarzt - ich wollte mit einem gesunden Hansi wieder gehen. Hingegen ging ich nur mit seinem leblosen Körper. Mein kleiner Mann bestand nur noch aus einem riesigen Tumor - ich musste ihn einschläfern lassen, sonst wäre er wohl über Nacht erstickt. Er schlief in meinen Armen ein und wir sagten Tschüss, zum letzten Mal. Er war mein Sonnenschein, mein ein und alles. Der wichtigste Mann in meinem Leben.

Nein, das hier ist kein richtiger Kolumnentext. Er bietet keine Lösungen und keine Wege. Er zeigt vielleicht nur, dass man auch die tausendste Trennung und den abermillionsten Abschied überstehen kann. Dass man aus jedem Loch heraus kommt und dass jeder Tod, den man miterleben muss, einen letztendlich stärker macht. Jeder muss seinen eigenen Weg finden, wie er mit Abschieden am besten zurecht kommt. Es gibt die starken und die schwachen Seelen. Die, die erstmal unendlich viel weinen, um danach wieder recht unbeschwert in den Tag starten zu können. Und dann gibt es die, die sich eine Hülle aufbauen, sich das Weinen nicht erlauben und zunächst alle trösten, sich um alle kümmern, einen klaren Kopf bewahren, um irgendwann doch in sich zusammen zu brechen. Das bin vielleicht dann ich. "Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten." - Rio Reiser




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Nächste Woche geht es mit dem Thema weiter, das eigentlich für diese Woche geplant war.
'Digital Detox' - drei Tage ohne Smartphone. Das Selbstexperiment.
Kommentare on "[Kolumne] Trennungen auf Zeit und Abschiede für immer."
  1. Ich bin schon 'ne ganze Weile stille Verfolgerin deines Blogs und ich muss sagen, dass ich deine neue Linie wirklich toll finde.
    Dein Text ist sehr ehrlich und ergreifend und ich finde es beeindruckend wie du es geschafft hast daran zu wachsen! :)

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar, liebe Hannah. Ich freue mich sehr, dass die Kolumne dir generell so gut gefällt - ich hatte schon Sorge, dass sie nicht besonders gut ankommt, da ich doch recht wenig Rückmeldung kriege.

      Dabei liegt mir das alles so sehr am Herzen!

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  2. Ich hab Pippi in den Augen. Ein sehr ergreifender Text. Wirklich sehr traurig, dass du schon so viel durchmachen musstest. Aber dafür bist du stark geworden.

    Und auch diesen Abschied wirst du überstehen, da bin ich mir sicher. Ich weiß, wie schwer es ist, von einem Tier Abschied zu nehmen. Meine Katze war ein halbes Jahr spurlos verschwunden und ich dachte sie wäre tot. Es war echt graußam..
    Ich wünsche dir weitherin viel Kraft!

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    1. Vielen Dank, liebe Susanne! Deine Worte bedeuten mir wirklich viel - das mit deiner Katze klingt ja schrecklich. Ist es denn wenigstens gut ausgegangen? Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn das liebste Tier einfach verschwindet :( Und das auch noch so lange... Trennung und Ungewissheit auf ein Mal.
      Manchmal tut es weh, so viel Liebe in sich zu haben, nicht wahr?

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    2. Das war damals wirklich schlimm. Jedes mal in der Nacht, wenn ich draußen was gehört hatte, bin ich aufgesprungen um nachzusehen, ob sie es ist. Als ich nach einem halben Jahr letztendlich langsam damit abgeschlossen hatte kam der Anruf vom Tierarzt (hatte da Zettel ausgehängt), dass jemand mit meiner Miez da sei. Bin natürlich sofort hingefahren und da war sie. Mit drei Babys.. Die Finder haben dann die Babys behalten und ich durfte sie wieder mitnehmen (die Kätzchen waren übrigens schon alt genug um sie alleine zu lassen).

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