[Kolumne] Selbstexperiment 'Digital Detox': 24 Stunden ohne Smartphone.

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26 Februar 2016





Gedankenflug - eine Kolumne, die sich mit alltäglichen Themen der heutigen Zeit befasst und diese vor allem aus zwei verschiedenen Richtungen, ganz unabhängig von einander beleuchtet.



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Es ist 12 Uhr mittags und ich bin voller Tatendrang - jetzt soll es also losgehen, dieses 'Digital Detox'. Ich bin mir sicher, dass ich die Zeit ohne mein Smartphone gut überstehen kann. Klar, ich hänge den halben Tag dran, aber letztendlich ist mein Handy ja nicht viel mehr als ein Lückenfüller, denke ich zu dem Zeitpunkt. Mareike und ich wagen den Selbstversuch - schaffen wir es, das Handy einfach mal für 24 Stunden liegen zu lassen? Ursprünglich waren ganze drei Tage angedacht, aber da wir das Handy auch beruflich brauchen - und man da ja nicht spontan Urlaub machen kann - haben wir uns letztendlich auf einen Tag geeinigt.

Da ich momentan noch die letzte freie Woche genieße, bevor ich am 1. März mit meiner neuen Stelle beginnen darf, ist mein Alltag eher entspannt und nach Möglichkeit mit schönen Dingen gefüllt - Freunde treffen, ein wenig Bummeln, neue Rezepte ausprobieren. High Life einer Studentin in der vorlesungsfreien Zeit eben. Heute möchte ich diverse Blogbeiträge vorbereiten - nachdem ich alle Lippenstifte und Püderchen geknipst habe, fehlt noch das abschließende Foto für Instagram. Ich suche, ob mein Handy irgendwo neben mir liegt. Nö. Oh. Halt. Da war ja was - mein Handy liegt oben sicher verstaut, damit ich nicht einmal auf die Idee kommen kann, es in die Hand zu nehmen. Dann eben kein Instagram Foto, auch wenn mich das ganz schön wurmt. Es wurmt mich so sehr, dass ich Vanna davon erzählen möchte - oh, ähm, WhatsApp... naja. Dann eben auch das nicht. Schon nach einer Stunde des Experiments bin ich genervt - so genervt, dass ich jetzt eben doch meinen Arzt anrufe, um einen Termin auszumachen. Im Normalfall gehe ich ja Arztterminen so weit es geht aus dem Weg, aber was sein muss, muss sein. 

Doof nur, wenn der einzige Ort, an dem die Nummer des Arztes eingespeichert ist, dein Handy ist. Zugegeben, ich hätte mich etwas vorbereiten und wenigstens die wichtigen Nummern irgendwo heraus schreiben können. Haben wir noch so etwas wie ein Telefonbuch zu Hause? Nach langer Suche finde ich es - und wähle die Nummer des Arztes. Irgendwie klingelt es nicht - achso, na klar, genau heute funktioniert weder die Telefonleitung, noch das Internet. Genau heute. Ich flippe aus. Da ich aber diesen Termin dringend noch für diese Woche brauche, mache ich mich auf den Weg. Zum Glück ist der Arzt nur drei Straßen weiter; nach kurzer Absprache steht mein Termin fest. "Soll ich Ihnen ein Zettelchen schreiben?" fragt mich die Arzthelferin. "Nein, danke.", spricht es in meinem Kopf - sowas schreibe ich ja immer in meinen digitalen Kalender auf dem iPhone. Gut, dass mir das noch rechtzeitig einfällt und ich stattdessen: "Ja, bitte!" sage. Jetzt habe ich so einen fancy Zettel in meinem Geldbeutel - wie oldschool.

Am Nachmittag treffe ich mich mit einer Freundin - Kaffee trinken, endlich mal wieder quatschen. Ich packe meine sieben Sachen und gehe zum Bus. Diesmal habe ich etwas nachgedacht und bin ganz stolz auf mich. Wie gut, dass ich meine wunderschöne Armbanduhr am Arm trage, so bin ich wenigstens jetzt ganz unabhängig von meinem Smartphone. Zwar erwarte ich eine wichtige E-Mail meines Professors, aber ich halte das aus, erst heute Abend mit dem Laptop in mein Postfach zu schauen. Davon geht die Welt auch nicht unter. Nach einer halben Stunde Busfahrt bin ich wieder genervt - ohne Handy keine Musik. Ohne Musik, ohne mich. Ich frage mich jetzt schon, wie ich die weiter folgende Bahnfahrt überstehen soll. Wenn die denn überhaupt statt findet - denn irgendwie kommt meine Bahn nicht. Im Normalfall würde ich ja schnell meine DB-App öffnen und schauen, wie viel Verspätung auf mich zukommt. Das fällt heute flach - und da unser Bahnhof leider nicht von diesem Jahrhundert ist, bleiben die Durchsagen oder Anzeigen auch aus. Also stehe ich da, unwissend und irgendwie verloren. Die Bahn kommt auch eine halbe Stunde später nicht und ich frage die Person neben mir, ob sie denn etwas weiß. "Der Bahnverkehr ist für unbestimmte Zeit gesperrt, Notarzteinsatz auf den Gleisen, steht in der App." Ich entscheide mich dafür, wieder nach Hause zu fahren - wieder eine halbe Stunde lang ohne Musik, mit wahnsinnig schlechter Laune und nicht einmal der Möglichkeit, mich bei meiner Freundin zu melden. 

Um 18 Uhr treffe ich meine Mama - sie bittet mich darum, auf den Elternabend meiner Schwester zu gehen, da sie sich nicht wohl fühlt. Dass ich genervt ohne Ende bin, das lasse ich weg und gehe der Bitte nach. Meine Mama eben, für sie schiebe ich sowas weg. bevor es so weit ist gehe ich noch einkaufen. Kuchen backen steht noch auf dem Programm - ein frühlingshafter Geburtstagskuchen soll es werden. Ich habe ihn schon öfter gemacht, aber das letzte Mal ist echt schon lange her und ich bin mir bei der Menge nicht mehr sicher. Google. Nein. Doch nicht. Mist. Ach, ich kann ja jetzt Mama fragen - und Mama weiß zum Glück ja alles. Anstatt alles wie gewohnt als Notiz in meinem Handy zu notieren, greife ich zu Stift und Zettel. Schon wieder so oldschool.

Nach dem Elternabend gebe ich meiner Mama noch über alle wichtigen Infos bescheid - und dann heißt es: ab an den Laptop. Mich graut es schon davor, mein E-Mail-Postfach zu öffnen. Eigentlich kümmer ich mich über den Tag verteilt darum, was da so hinein flattert und realistisch betrachtet kommt da doch ganz schön viel zusammen. Tatsächlich: 68 E-Mails warten nun darauf, gesichtet zu werden. Auch die wichtige E-Mail meines Professors ist dabei - "Bitte schicken Sie mir das Formular bis heute Abend um 21 Uhr ausgefüllt zurück." Es ist 20:57 Uhr. Ihr könnt euch mein Fluchen sicherlich vorstellen. Geschafft habe ich es natürlich trotzdem noch. Endlich schreibe ich auch meinen Freunden auf Facebook, aber meine Timeline durch zu schauen, was ich sonst den kompletten Tag über verteilt mit dem Smartphone mache, darauf habe ich einfach keine Lust mehr.



Es ist 7 Uhr morgens und mein Wecker klingelt. Irgendwie klingt er komisch, aber dennoch greif ich instinktiv an die Stelle, an der mein Handy immer liegt - und darf enttäuscht feststellen, dass es ja dort gar nicht liegt. Da war ja was. Ich wusste bis dato übrigens nicht, dass ich überhaupt so einen normalen Wecker noch besitze. Ich hasse ihn. Noch fünf Stunden.
Ich mache mich fertig - Schminke, Haare... heute darf es ruhig etwas mehr sein, denn später treffe ich mich noch mit Katha zum Fotoshooting. Der Laptop ist heute schon sehr früh an, da ich nicht riskieren möchte, eine Nachricht von Katha zu verpassen. Ich koche, putze, lese ein wenig und um Punkt 12 schalte ich mein Handy an. Halleluja. Die E-Mail- und WhatsApp-Anzeige verpasst mir zwar einen kleinen Schock, aber es ist schön, wieder uneingeschränkt sein zu können.

Das 24 Stunden Experiment hat mir gezeigt, dass ich persönlich nicht mehr ohne Smartphone leben kann und will. Und das ist auch vollkommen okay so - dieses Schimpfen über die Handysucht, die man ständig mitbekommt, kann ich natürlich dennoch bis zu einem gewissen Grad verstehen. Es hat mir ganz gut getan, dass ich mein iPhone nicht ständig zur Hand hatte. Ich gehöre zur Fraktion Candy Crush und anderen dummen Spielen. Manchmal ist mir langweilig und dann spiel ich eben ein, zwei Runden. Dass mein Leben getrost darauf verzichten kann ist nun noch eindeutiger - ebenso wie das ständige Scrollen durch Facebook oder Instagram letztendlich keinen großen Mehrwert bringt; zumindest nicht täglich oder gar mehrmals am Tag.
Worauf ich aber nicht verzichten will, sind die Tools, die mir meinen Alltag vereinfachen. Meine Uhr, meine Bahnapp, meine Notizen, in denen ich alles fest halte, mein Kalender, meine Kontakte und meine Musik. Es ginge natürlich auch ohne, aber mit ist meine Lebensqualität einfach weitaus größer - wenn ich mir überlege, was ich sonst immer mit mir herum schleppen müsste, um die Funktionen meines Handys tatsächlich ersetzen zu können... und telefonieren könnte ich dann immer noch nicht.

Ich glaube, dass ein gesundes Verhältnis zum Handy der richtige Weg ist. Nicht bei jedem 'PING' zum Handy zu rennen oder eben das Geschäftshandy nach Feierabend und am Wochenende ausschalten. Beim Treffen mit Freunden das Handy direkt in der Tasche lassen. Die Umwelt nicht wegen eines Smartphones ausblenden. - aber auch nicht die Möglichkeiten ungenutzt lassen, die uns die heutige Technik bietet. Wir halten da ein kleines Wunder in unserer Hand, das uns den Alltag so viel einfacher gestaltet. Danke, Smartphone.




Wie Mareike die 24 Stunden ohne ihr Smartphone überstanden hat?
>>KLICK<<

Könnt ihr euch noch ein Leben ohne Smartphone vorstellen?


Nächste Woche Freitag um 12 Uhr geht es
wieder mit der Kolumne und einem neuen spannenden Thema
für euch weiter!
Kommentare on "[Kolumne] Selbstexperiment 'Digital Detox': 24 Stunden ohne Smartphone."
  1. Sehr schöner Beitrag! Und so gehts mir auch.
    Klar gibts unnötige Dinge wie beispielsweise Candy Crush, aber es gibt auch so viele wirklich wichtige/nützliche Dinge, auf die ich nicht mehr verzichten wollen würde.

    lg Caro

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    1. Eben - das wurde mir nach dem Weglegen des Handys so richtig bewusst und ehrlich, ich habe kein schlechtes Gewissen mehr dabei, wenn ich mein Baby ständig bei mir führe. Es macht den Alltag einfach so viel angenehmer :)

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  2. Okay. Du hast mich :D Ich würd mich nicht an so ein Experiment trauen... Mein Mann meint immer schon, dass ich handysüchtig wäre. Aber du hast ja recht: Alles, was mir das Leben etwas erleichtert ist willkommen und somit schnell auf meinem Handy. Es lebe die Technik. Ich denke trotzdem, dass man bewusster damit leben sollte. Ich habe bald eine Woche Urlaub, die ich auch im Ausland verbringen werde. Oftmals hänge ich da - sobald wlan vorhanden - auch wieder dran. Aber vielleicht ändert sich das dieses Jahr ja mal ;)
    Liebste Grüße

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    1. Ich muss sagen, dass mir das im Urlaub auch etwas sauer aufgestoßen ist. Ich habe im Ausland aufgrund 'nur Prepaid' kein Internet und werd ja halb wahnsinnig, wenn ich irgendwo wLan rein kriege. Alsob es nichts Wichtigeres gäbe :D

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  3. das war echt interessant zu lesen, wie sich es sich auswirkt wenn das handy im alltag mal fehlt. im urlaub habe ich meistens kein problem, wenn ich nicht an mein handy kann, wegen den teuren gebühren, da bin ich eher mit anderen dingen dann beschäftigt, aber ich glaube auch, dass das handy im alltag wirklich auch nützlich sein kann. man darf es nur nicht übertreiben und 24/7 drann sein, sodass man zu nichts anderem mehr kommt :D
    liebe grüße, gabi :)

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    1. Genau so denke ich auch :) Auch hier ist es wohl so wie bei fast allem: ein gesundes Maß ist einfach das Wichtigste! :)

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  4. Ich finde das Experiment super! :D
    Ich denke, dass muss ich am Wochenende nachmachen - bin gespannt, ob ich es 'schaffe'. Am besten Ausschalten und Wegsperren!

    Dem richtigen Maß an Verwendung kann ich definitiv zustimmen :)

    Liebe Grüße, Denise

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