[Gedankenflug] 'Spinnst du, lass liegen, ich muss noch fotografieren!' - wieso Instagram mich einfach wahnsinnig macht.

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05 Februar 2016





Gedankenflug - eine Kolumne, die sich mit alltäglichen Themen der heutigen Zeit befasst und diese vor allem aus zwei verschiedenen Richtungen, ganz unabhängig von einander durchleuchtet.


Freitag: Erst gerade eben habe ich meine Notizen auf dem Handy geschlossen - ganz stolz, nachdem ich mir notiert habe, was für Posts ich morgen für Instagram vorbereiten möchte. Gleichzeitig überkommt mich ein Gefühl, mich gleich über diese eben getippte Notiz übergeben zu wollen. So weit ist es nun also mit mir gekommen. Sonntag: Ich werde unheimlich nervös - ich habe die letzten zwei Tage nichts auf Instagram gepostet und in der Zeit sogar drei Follower verloren; meine Notizen von vor zwei Tagen lagern unberührt auf meinem Handy. Ein unterschwelliges Gefühl des Versagens macht sich breit. Natürlich, ich bin die Meisterin im Übertreiben und definitiv nicht nur eine kleine Drama Queen. Aber es ist wie es ist; irgendwas stimmt nicht.

Noch vor wenigen Monaten oder sogar nur Wochen hätte ich keine Sekunden an solche Gedanken verschwendet. Mein Instagram-Feed war ein Sammelsurium aus Momentaufnahmen. Bunt, unscharf, absolut unsinnig und gequirrlte Alltagskacke. Es waren stets aufgegriffene Gefühle, sichtlich unverfälscht und aus den Tiefen meines Herzens. Ich erinnere mich sogar noch an einen Blogpost, den ich vor langer Zeit hier schrieb über all das, was ich so schlimm finde an den ganzen Insta-Famegirls. Leider kann ich ihn nicht mehr finden, vielleicht habe ich ihn irgendwann auch gelöscht. Jedoch weiß ich, dass ich dort genau das beschreibe, was ich nun zu werden scheine.

Versteht mich nicht falsch - ich kaufe mir keine Produkte nur für Instagram-Fotos oder esse Dinge, nur weil sie fancy sind, obwohl ich sie nicht mag. Aber wer glaubt, dass man sich jeden morgen ein abgespactes Chia-Frühstück macht und sich immer einen Klecks Marmelade rein haut, der hat einen an der Waffel. Die Marmelade ist der größte Klecks des Scheins - das rote Detail, das den Feed ja so aufhübscht. Ich sitze auch nicht ständig und bei jedem Move auf meinen zehn verschiedenen Flokat-Teppichen. Zugegeben, ich sitze gerne und oft auf dem Boden - aber während dessen sehe ich aus wie ein überfahrener Frosch und bin fernab von jedem schönen hellen gepflegten Feeling, das ich auf meinen Fotos ausstrahle. Ganz ekelhaft fand ich mich übrigens derletzt erst, als mein Freund mir einen wunderschönen Strauß Rosen schenkte. Ich habe mich gefreut wie ein Schnitzel - von den ersten fünf Sekunden Freude waren drei Sekunden 'Oh wow, ich habe den besten Freund der Welt, was für ein heißer Macker.' und die nächsten zwei Sekunden ging es dann schon mit 'Fick ja, ein perfektes Insta-Motiv!' weiter. 
So kann es auch mal vorkommen, dass hinter den 'Today's essentials' auf Instagram - außer dem Foto  - im reellen Leben nichts mehr übrig bleibt. Dass die Heels und die Buckettasche dann doch zu Hause bleiben, weil ich mich bei regnerischem Wetter in meinen abgewrackten Chucks weitaus wohler fühle und in die Bucketbag höchstens mein kleiner Finger hinein passt, ich aber lieber mein halbes Leben mit mir herum schleppe - es könnte ja immer und überall alles passieren. Und man schaut meine Bilder an und denkt, die Welt da draußen ist so wunderschön hell, dabei ziehen schon die nächsten Wolken auf.

Das Traurigste für mich dabei ist aber, dass diese Masche so zieht. Innerhalb von kürzester Zeit schossen meine Follower- und Likezahlen wahnsinnig nach oben; sie haben sich verdoppelt, wenn nicht sogar verdreifacht. Während ich mit meinem persönlichen Alltagsmatsch die Leute wahlweise an meinen Account gebunden habe, damit sie zwei Tage später wieder genervt den 'unfollow' Button drücken, so sind die Follower plötzlich da und mögen diese absolut gestellte Wahrheit. Von der Realität ist nicht viel erwünscht und wenn denn doch ein Hauch zu viel davon im Feed landen soll, dann spürt man das, indem die Zahl an Followern wieder runter geht. Denn sie fliehen in Scharen, wenn sie spüren, dass hinter den ganzen Quadraten ein ganz normaler Mensch sitzt, der morgens  verpickelt ist und dessen fettige Haarsträhnen nur so an der Kopfhaut kleben - und der so oft lieber eine Stulle mit Zwiebelmett isst, als sich grüne Smoothies rein zu ziehen.

Ich frage mich ja oft, woran das liegen mag. Flieht man dadurch vor sich selbst? Möchte man sich mit so einer offensichtlich gestellten Realität von dem eigenen Dasein ablenken? Sich die Fotos anschauen mit dem Gedanken: Klar, das ist normal, das erwartet mich auch, alles cool. Während man eigentlich von Tag zu Tag mit falschen Freunden, Durchfall oder einem absolut versifften Auto zu kämpfen hat, ist hinter dem hübschen weiß-rosanen Feed jemand, der diese Probleme nicht zu haben scheint und diese perfekte Welt erscheint einem so erreichbar.
Doch während man in die virtuelle, vermeintliche Instagram-Realität schaut, sich am Starbucks-Kaffee aus New York oder der neuen Chanel-Tasche einer Fashionbloggerin erfreut, entgehen einem die wirklich schönen Dinge im Leben. Wie zum Beispiel die unfassbar beruhigende Stille am morgen, die noch so vielversprechend ist. Das Barthaar deines Liebsten an deinen Klamotten, das dich schmunzelnd an letzte Nacht erinnert. Das feuchte Stupsen eines Hasennäschens - oder wie saftig der heutige Apfel doch wieder schmeckt. Ich bin absolut kein minimalistischer Mensch und ich konsumiere gerne - materieller Besitz ist mir wichtig, aber nur solang ich damit auch etwas in meinem Herz bewege. Doch das wäre eigentlich schon ein Punkt für einen neuen Text.

Ich halte es für wichtig, sich stets zu verbessern, Stillstand tötet - auch bei Instagram Fotos. Es spricht nichts dagegen, sich an einer schönen Belichtung zu erfreuen, an liebevollen Details und generell am Genuss der Schönheit. Doch ab wann geht der Mensch vor lauter Schönheit verloren? Ab wann verliert man sich selbst dabei, egal ob nun als Follower oder Poster? Kein Mensch möchte sich von seiner schlechtesten Seite zeigen - wenn ich krank und versifft bin, dann lass ich mich nicht ein mal vor meinem Liebsten blicken, wenn es zu vermeiden ist. Sobald ich mich nicht wohl in meiner Haut fühle, dann ist an dem Punkt meine Grenze erreicht. Ich möchte den Menschen auch nichts anbieten, das ich selbst nicht gut finde, wenn es keinen Mehrwert hat. Ich muss meinen Fußpilz nicht mit euch teilen, ich sehe ihn ja selbst nicht gerne an mir und meine Verdauungsreste genauso wenig. Aber ich muss mir keine Welt aus Quadraten aufbauen, in der ich den Menschen vorgaukel, dass ich so etwas wie eine Verdauung nicht einmal besitze, mein Atem immer nach Rosen riecht und dass der Weltfrieden dank mir gestern schon ausgebrochen ist.

Wir alle sind Menschen und sollten das auch bleiben, mit all unseren Imperfektionen. Ganz gleich ob im realen Leben oder in unserem selbst inszenierten Onlinetagebuch.



Was Mareike zu dem Thema sagt und wieso wir uns 
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Nächste Woche geht es Freitag um 12 Uhr mit dem Thema " " weiter.
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Kommentare on "[Gedankenflug] 'Spinnst du, lass liegen, ich muss noch fotografieren!' - wieso Instagram mich einfach wahnsinnig macht."
  1. Lisch ♥
    Ich ertappe mich immer wieder selbst dabei, dass ich mich zurückhalte, da ich zuvor unbedingt noch was fotografieren möchte.
    Die helle (!), wunderschöne Instagramwelt ist oftmals nur eine Illusion. Recht hast du. Und meine Bilder werden auch NIE so schön! But, wayne. Nur wer sowas feststellt, kann daran arbeiten.
    Und wir leben in einer Konsumgesellschaft. Insta gehört da leider mit dazu. Wir wollen Follower und Menschen, von denen wir denken, dass unser Leben sie interessiert. Wir möchten konsumiert werden!
    "Wir alle sind Menschen und sollten das auch bleiben, mit all unseren Imperfektionen. Ganz gleich ob im realen Leben oder in unserem selbst inszenierten Onlinetagebuch."
    Damit sprichst du mir aus der Seele.
    ♥ Tami

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! Konsumieren finde ich ja vollkommen in Ordnung - ich konsumiere selbst soooo gerne! Minimalismus ist ja momentan sehr im Kommen, aber für mich wäre das nichts.
      Wichtig finde ich es aber immer, dass man es nicht übertreibt und ein gesundes Maß beim Konsum von EGAL was findet.

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  2. Sehr schöner Post, regt zum Nachdenken an.

    Liebe Grüße
    Saskia-Katharina von www.horizont-blog.net

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    1. Herzlichen Dank für deinen Kommentar :) Ich hoffe, dass ich noch mehr Menschen etwas zum Nachdenken anregen konnte :)

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  3. Wie wahr und wundervoll geschrieben.

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