[Gedankenflug] 'Isch bin deine Mudder, du Huansohn!' - Oder warum früher alles besser war.

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12 Februar 2016







Gedankenflug - eine Kolumne, die sich mit alltäglichen Themen der heutigen Zeit befasst und diese vor allem aus zwei verschiedenen Richtungen, ganz unabhängig von einander durchleuchtet.



Ich werde einen Moment vor zwei Jahren wohl niemals vergessen.
Während ich oben in meinem Zimmer saß, hatte  meine Schwester Besuch von einer Freundin. Meine Schwester war zu dem Zeitpunkt 13 Jahre alt und das absolute Vorzeigebeispiel für ein doofes, liebes Kind. Denn ja, ich habe immer dazu beigetragen, sie so lang es ging, Kind sein zu lassen. Nun saß sie aber da, hat noch zu Mittag gegessen und mit ihrer Freundin gequatscht. 'Die ist so dumm, aldr. Voll die Hackfresse, aldr.' sagte ihre Freundin. Ich dachte nur, ich muss mich gleich übergeben. Ugh. Meine Schwester kicherte zum Glück  nur ständig und sagte nicht besonders viel. Das ging ziemlich lange so weiter. Bis zu dem Moment, als ich folgende Worte aus dem Mund ihrer Freundin hörte: "Lass sie zerdeppern, wir sind noch nicht strafmündig. Wir können sie so richtig zusammen schlagen." Ich war selten so erleichtert, als meine Schwester so viel Stärke zeigte und sagte, dass sie sowas niemals machen würde und diese Freundin danach einfach ging und seitdem nie wieder kam. Und dann fragt man sich tatsächlich, ob man in seiner eigenen Jugend auch sowas erlebt hat.

Dass ich schon immer ein seltsames Kind war, das kann ich gar nicht leugnen. Ich war lange der Typ, der den anderen Kindern im Kindergarten vorgelesen hat, mit 12 alleine ins Kino ging und sich im virtuellen Hogwarts-Chatportal den ersten Freund angelte. Ich war ein Moff, hatte zwar immer einige Freunde, aber bin dann doch meinen ganz eigenen Weg gegangen. Das hat sich bis heute nicht geändert, nur dass ich eben viele gefunden habe, die genauso seltsam sind wie ich und dadurch wurde alles ganz schön normal. Meinen Gleichaltrigen stand ich schon immer kritisch entgegen, denn während viele es einfach nicht schaffen, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Party und intellektuellem Leben zu halten, so schien mir das immer eine Priorität zu sein. Somit weiß ich, dass ich mich keineswegs als Vergleichsmaß benutzen kann. Aber ich habe vieles beobachtet und analysiert und vor allem habe ich dabei versucht, alles fernab der 'Früher-war-alles-besser'-Brille zu betrachten...

...und bin direkt daran gescheitert. Als ich 12 Jahre alt war trug ich Zahnspange, hatte blauen Lidschatten großzügig auf meinem halben Gesicht aufgetragen und fand meine gold-glitzerige Schlaghose ziemlich fancy. Selbst als sie anfing, mir gute zehn Zentimeter zu kurz zu werden, trug ich sie weiterhin mit ganz schön viel stolz. Passend dazu Plateau-Stiefel, die wirklich schon hart an der Grenze zwischen Boogie-Woogie-Disco und dem nächsten Straßenstrich waren. Wenn sie mal in die Wäsche musste, dann war das aber auch okay - ich ging von mir aus auch mit Radlerhose und Unisex-Shirt aus dem Haus. Mit 13 färbte ich mir meine Haare das erste Mal im heimischen Badezimmer - heimlich und von blond auf schwarz. Ich sah nicht nur aus, als hätte ich mir den Kopf mit Schuhcreme eingeschmiert, nein, das ganze war eher ein Streifenhörnchenlook und ein neuer Anstrich für die Handtücher meiner Mama. Passend zu den abgespacten Haaren fand ich mich in der Punkszene wieder - irgendwann kamen noch mehr Farben hinzu, irgendwann kamen diese auch wieder weg. Und das nur, damit ich aus meinen ewig langen Haaren Dreads machen konnte... welche ein Jahr später auch wieder heraus gekämmt wurden. So langsam entfernte ich mich aus der Punkszene, war noch ein wenig unter den Dark Peoples und wurde so langsam zu meinem heutigen ich. Was ich damit sagen will?

Ich sah ziemlich lange ziemlich scheiße aus. Und das war vollkommen in Ordnung so - ich habe mich ausprobiert und ausgelebt, bin auf die unschuldigste und gleichzeitig wildeste Art und Weise Schritt für Schritt zu meinem eigenen Ich gekommen. Selbstverständlich habe ich mich auch inspirieren lassen; nicht zuletzt von den Menschen, die ich besonders toll fand (oder auch von den männlichen Wesen, die ich besonders toll fand...). Das, was ich heute beobachte, ist ein vorgeschriebener Einheitsbrei, der schon anfängt, während man sich eigentlich nur mit seinen Puppen und Bauklötzen beschäftigen und den Brei höchstens im Sandkasten zusammen matschen sollte. 
Die Mädchen tragen alle ihre Ripped High Waist, Bomberjäckchen und Air Max. Mit dem eos Lipbalm in der Hand und dem fucking besser konturierten Face als ich. WAS ISCH LOOOOOS. Wo bleibt denn nur die Zeit, in der man einfach Kind sein konnte und das Leben als Teenager dadurch zelebrierte, sich jeden Tag drölf Mal neu erfinden zu können? In der man nicht auf YouTube nach dem neusten Ich suchte und sich in die Reihe der Gleichaussehenden einreihte? Oder am Allerbesten: wenn aus dem YouTube-Chanel eine 13 Jährige versucht zu erklären, wie man Concealer am besten settet und wie sie ihre MAC Lippenstift-Sammlung verstaut - wenn sich die Rollen tauschen und ich im Nickelodeon-Store 'Ich bin ein taubes Nüsschen!' singe, während sich ein kleines Mädchen in der Drogerie um die Ecke über ihre neue Soap&Glory Mascara freut. Genau dann läuft doch irgendwas gewaltig falsch.

Entgegen der Überschrift habe ich gar nicht so viel an der Sprache oder an der Jugend generell etwas auszusetzen. Grammatikalische-Urwaldgehirne gab es schon immer, Aggroboys genauso und Wesen, die sich durch die halbe Weltgeschichte bumsen, auch. Es wurde schon immer gesoffen, schon immer gekifft und schon immer geflucht. Nur hat niemand das alles so wirklich mitbekommen. Heute werden Statistiken verfasst, die BILD macht wenn nötig täglich eine neue Schlagzeile zu dem Thema und RTL Punkt 12 zieht direkt mal mit. Es werden mehr Verbote gesetzt, mehr muss heimlich gemacht werden und dadurch wird auch alles viel größer aufgebauscht, als es jemals der Fall war. Was der Jugend von heute genommen wird, das ist die Freiheit. Die Freiheit, sich von all den tausenden und abertausenden Möglichkeiten das Beste für sich heraus zu suchen, ohne sich bestimmten Richtlinien unterordnen zu müssen.
Wir tragen unsere Uniformen des Lebens schon früh genug und verzweifeln ganz tief innen drin. Durchleben die zehnte Midlife-Crisis, weil wir nie erlebten, wer wir wirklich sind. Und das alles nur, weil unsere Gesellschaft schon den Kleinsten dieser Welt genau versucht vorzuschreiben, wie sie zu sein hat.

Ich habe schon vieles erlebt und vieles gelesen - die Freundin meiner Schwester war eins dieser negativen Beispiele, aber ich kenne auch Kinder, die freiwillig Tiere im Tierheim betreuen. In der Kirche wirklich von sich aus tätig sind. Als erste aufstehen und ihren Platz räumen, wenn eine ältere Person in den Bus steigt. Arschlöcher gibt es in jeder Altersstufe - aber noch nie gab es so viele fremdgesteuerte Schäfchen bei den eigentlich noch so unbeschriebenen Blättern eines jugendlichen Herzens. Ich will, dass meine Kinder später Zeit dafür haben, genau das zu finden, was sie glücklich macht. Ganz von alleine und mit dem Gefühl, dass ihnen die ganze Welt offen steht und nicht nur die Tür zum nächsten Drogeriemarkt oder der Kneipe nebenan.



Was Mareike in ihrem Kolumnen Text dazu sagt? Das findet ihr genau hier:
>>KLICK<<

Nächste Woche am Freitag um 12 Uhr geht es
in unserer Kolumne um das Thema "Digital Detox".
Wir wagen das Experiment und legen unser Handy für drei Tage weg!
Ihr dürft gespannt sein.



Kommentare on "[Gedankenflug] 'Isch bin deine Mudder, du Huansohn!' - Oder warum früher alles besser war."
  1. Herzchen, es ist Freitag. 16 Uhr. Endlich Feierabend. Im Laufe des Tages habe ich von BL die Meldung bekommen: Gedankenflug ist online. Da war die Vorfreude auf den Feierabend noch größer. Und ich muss sagen, du hast mal wieder nicht enttäuscht. Furchtbare Bilder sind mir durch den Kopf geschossen. Haare färben ist bei mir erst seit ein paar Jahren angesagt. Aber schlimme Klamotten sind mir wohl ein Begriff. Auch ich denke so oft: die ist 14 und sieht einfach mal älter aus als ich. Ich, die dieses Jahr 24 wird. Ich, die mit Jeans und Pulli zufrieden ist. Schminke? Aufwändig. Nicht jeden Tag. Und die Gurls von heute sind skinny, immer top gestylt und geben ihr Geld für Lippenstifte aus, die mir viel zu teuer sind.
    Die Sprache der Jugend ist mir allerdings aus meiner Schulzeit noch bekannt. Wie du schon sagtest: da war es fast ähnlich wie heute. Aber erst jetzt wird es uns bewusst. Wir werden "erwachsen". Die jungen Mädle von heute kommen mir oft schon erwachsener vor, als ich es bin.
    Herzige Grüße

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    1. Oh ist das süß zu wissen, dass du dich so darüber freust, wenn die Kolumne online geht :) Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Ich finde, du hast wirklich recht - es ist so seltsam, dass diese gesamte 'Hässlichkeit', die wir noch durch gemacht haben, heutzutage einfach nicht mehr vorhanden ist... irgendwie muss das doch dazu gehören :D

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  2. Ein wirklich wunderbarere Post, den du sehr gut geschrieben hast. Ich bin ehrlich, ich war früher auch nicht ganz die Person die ich heute bin. Hatte vielen schlechten Umgang mit gewissen Leuten & hab mich runter ziehen lassen & war schon etwas 'assi'. Meine Eltern wollten immer das beste für mich, doch in der 8. Klasse war ich so erwachsen & habe viele Fehler eingesehen & bin dann weg von zu hause gegangen auf ein Internat. Das war für mich die schönste Zeit um mich auszuprobieren, zu wissen wer ich bin. Ich war ganz vernarrt in den Emo Style früher, den es heute wirklich kaum noch gibt.
    Ich bin auch voll & ganz deiner Meinung als du das mit den gleichen aussehenden jungen Mädels angesprochen hast. So perfekt bin ich heute mit meinen 20 Jahren nicht mal & ich möchte das auch nicht sein. Ich möchte nicht wie jede andere ausschauen. Meine Lehrerin hat Drillinge, alles Mädchen. Und wir haben uns letzens im Unterricht über youtube unterhalten. Alle sind 12 Jahre alt. 2 von ihnen sitzen fast den ganzen Tag nur vor dem Pc & schauen yt videos & die andere hat wenigstens noch soziale Kontakte & geht raus mit ihren Freunden, so die Worte meiner Lehrerin. Ich denke es ist für die Eltern auch nicht gerade einfach wenn sie sehen wohin die Richtung ihrere Kinder fällt. So jetzt habe ich aber genug meinen Senf dazu gegeben. :D

    Sophie♥

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    1. oh, meine Emo Phase habe ich hier gar nicht weiter ausgeführt - ich war auch so ein Emo, wie er im Buche steht :D Mit all den dazugehörigen Farben auf dem Kopf und dem dazu passenden Profil auf vampiresblabla (boah, ich krieg das nicht mehr zusammen, wie genau die Seite hieß :D). Und wie ich mir knallhart meine Snake Bites mit Paint in meine Bilder reingemalt habe :D

      Ach, das war herrlich.

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