[Gedankenflug] Männlichkeit 2.0: Wann ist ein Mann ein Mann?

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29 Januar 2016


Gedankenflug - eine Kolumne, die sich mit alltäglichen Themen der heutigen Zeit befasst und diese vor allem aus zwei verschiedenen Richtungen, ganz unabhängig von einander durchleuchtet.




"Steh doch mal deinen Mann!" habe ich ihm derletzt vorwurfsvoll an den Hals geworfen, als wir bei der Abendplanung wie immer vor der Frage standen, was wir nun gleich anschauen werden. Da liefere ich ihm schon die unfassbar schwierige Vorauswahl zwischen zwei Filmen - 'The Social Network' oder 'Catch me if you can' - und dann heißt es trotzdem: " Ach, entscheide du." "Nein!" sagte ich. Einfach nein. In meinem Kopf war noch so viel mehr und alle führte darauf hin, dass ich seine nicht vorhandene Entscheidungsfähigkeit als absolut unmännlich empfand und eher das Gefühl hatte, neben einer Pussy zu liegen. Im Nachhinein reflektiert sehe ich nichts Verkehrtes an meinen Gedanken und das obwohl ich die letzte bin, die irgendwas und irgendwen gezielt in Schubladen packen würde und das nochmals obwohl ich für mich persönlich ganz feste Grenzen gezogen habe, wie mein Mann zu sein hat. Doch bevor ich so weit aushole, knüpfe ich mir mal den typischen stilisierten Mann optisch vor - und stelle fest, dass das gar nicht so einfach ist. 

Ausgewählt habe ich mir dafür die Wahl zum 'Sexiest Man Alive'; eine Auszeichnung, die jedes Jahr vom People's Magazine verliehen wird. Die letzten zehn Jahre zierten Matthew McConaughey, Matt Damon, Hugh Jackman, Ryan Reynolds, Bradley Cooper, Channing Tatum, Adam Levine, Chris Hemsworth und am aktuellsten 2015 David Beckham das Treppchen und ich habe gezielt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden gesucht und... nein. Alle sind sie eventuell etwas breiter gebaut, trainiert, gepflegt, individuell - huch, da haben wir es. Da ist das Ding! Sie alle sind so echt. Charmant, witzig, höflich, engagiert und erfolgreich. Heiß. Wenn ich mir jetzt Matt Damons Gesicht auf einem Foto anschaue und er wäre der letzte Mann auf Erden, dann würde ich dankend nein sagen. Sobald er aber mit der Kamera spricht, sein schiefes Lächeln aufsetzt, mit der Interviewerin flirtet... du, da geht mir einer ab. Ab dem Moment wird er attraktiv und männlich. Diese ganzen Attribute, die ich an einem ansprechenden Mann aufgezählt habe, die führen aber letztendlich nur zu einem Punkt: Engagement und Erfolg. Ich halte Muskeln jetzt nicht per se für männlich, ich halte es aber für männlich, dass einer sich dafür rein hängt und ein festes Ziel verfolgt. Gesund sein möchte. Das ist Husband-Material. Gutes, gesundes Fortpflanzungsgut. Das Überleben des Stärkeren. Männlich.
So wird zwar viel gemeckert und gemosert über Man-Buns und gezupfte Augenbrauen oder gar Tages- und Nachtcremes, aber wenn das selbst beim letzten Mann aus einem schwäbischen 5-Personen-Dorf angekommen ist, dass Körperpflege nichts ist, was ihnen ihre ach so heilige Männlichkeit nimmt, dann hat sie sich als mehr als das gefestigt - nämlich als ein Zeichen für Selbstbestimmung und Selbsterfüllung, indem man Acht auf sich gibt. 

Ich halte es auch für männlich, wenn mir die Tür aufgehalten wird. Wenn ich beschützt werde, wenn sich ein Mann entscheiden kann, wenn er Ziele hat und diese auch erreichen möchte. Ich halte es für männlich, wenn man genug Geld verdienen möchte, um seine Familie zu ernähren und ihr etwas bieten zu können. Ich halte es für männlich, wenn man frei heraus sagt, was man denkt und fühlt, und vielleicht noch ein gewisses Maß an sozialem Verständnis dabei aufbringt, um andere damit nicht jedes Mal zu verletzen.  Ich könnte noch so viel mehr aufzählen. Der Punkt dabei ist für mich aber der: ich halte das alles für Eigenschaften, die auch eine Frau mitbringen muss. Ein guter Mann ist für mich nicht mehr als ein guter Mensch, nur eben mit einem Penis. Übrigens etwas Essentielles, so ganz nebenbei.

Ein Mann sollte mir eine Lampe montieren können, ein Mann sollte mir auch auf die Leiter steigen und den Rasen mähen. Er soll mir aber auch ein Menü zaubern oder das Badezimmer in Topform bringen können. Und all das erwarte ich auch von mir! Sollte er aber unter Höhenangst leiden, dann steige ich eben auf die Leiter und sollte ich einfach kein Händchen für ein gutes French Toast haben, dann macht eben er da. Weil ich mich nicht über mein Geschlecht definiere und das auch nicht bei einem Mann mache. Ich habe viele Eigenschaften an mir und hege gewisse Vorlieben, die manch ein oder andere Frau als 'männlich' bezeichnen würde. Ich trotze so vor Zweideutigkeiten, rede offen darüber, dass ich einen Stuhlgang habe (was allerdings dank Giulia Enders 'Darm mit Charme' sowieso revolutioniert wurde), und halte es für etwas absolut Normales, wenn man sich öffentlich am Sack kratzt. Es ist nicht zu zelebrieren, aber es ist ein simples Jucken an einem Körperteil. Ich kratze mich auch an der Stirn, wenn sie mich juckt, feier mich dafür aber nicht hammerhart. Trotzdem bezeichneten mich schon viele Männer als das Sinnbild von Weiblichkeit

Letztendlich bleiben für mich nicht mehr als die rein biologischen Fähigkeiten, die einen Mann von einer Frau unterscheiden. Aufgrund der automatisch bedingten meist größeren Größe und körperlichen Stärke eines Mannes erwarte ich zwar von ihm beschützt zu werden - würde ich jetzt aber eine Kampfsportart ausüben, würde ich einen 2-Meter-Mann auch vor einer Horde Angreifern beschützen (na gut, wir wollen es nicht übertreiben... ich würde schreiend weg rennen). Er muss sein Geschlechtsteil mitbringen und mit diesem umgehen können, ebenso wie mit seinem Hirn. Ein guter Mensch mit Penis. Und wie sagte Patrick Salmen schon so schön: "Wie nennt man einen Mann ohne Bart? Frau."


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Nächste Woche am Freitag um 12 Uhr geht es weiter mit dem Thema:
'Nicht essen, ich muss noch fotografieren!' - wieso Instagram mich wahnsinnig macht.

Zuvor könnt ihr euch aber aber noch bei Mareike durch klicken und
schauen, was sie zum Thema Männlichkeit zu sagen hat.
>>KLICK<<
Kommentare on "[Gedankenflug] Männlichkeit 2.0: Wann ist ein Mann ein Mann?"
  1. Was für ein geiler Beitrag! :D
    Mein Freund und ich haben auch dauerhaft Gespräche zu dem Thema. In einem Restaurant bekommt er den trockenen Weißwein und ich das Bier. Genauso reicht er mir eher den Schraubenzieher, während ich die Lampe montiere. In anderen Momenten passt er aber auf mich auf, beruhigt mich und bietet mir nach vier Jahren immernoch jedes Mal, wenn ein Windstoß kommt, seine Jacke an. Am Ende soll jeder doch einfach nur sein wie er will und das tun was man gut kann. :)
    Liebe Grüße, Sinah

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    1. Das sehe ich ganz genau so! Ich finde es immer so schade, wenn viele so sehr fest gefahren sind in ihrem 'Rollendenken'. Jeder Mensch ist so verschieden und hat so verschiedene Schwächen und Stärken; ganz unabhängig vom Geschlecht!

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