[Gedankenflug] Generation 'Beziehungsunfähig' - sind wir alleine wirklich so viel mehr?

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22 Januar 2016









Während ich diese Zeilen in das Blogger-Fenster tippe und im Hintergrund der Fürst der Finsternis Rattenschwänze isst bin ich allein. Es ist mein Geburtstag und ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als eben mit meiner riesigen weißen flauschigen Decke und meinem Laptop auf der vollkommen überteuert gewesenen Liege zu mümmeln. Während andere Geburtstage vielleicht in den Vorstadtdissen unserer Welt versaufen, bin ich gerne für mich. Natürlich ist da noch so eine weite Welt zwischen verkümmerten Alkohol-Hirnzellen und dem Forever-Alone-Sofa - irgendwo ist da auch die Möglichkeit, sich an seinen Partner zu schmiegen und im großen gemeinsamen Kuschelbett durch zu schnaufen. Aber nein, nicht heute. 
Während ich nun in meiner kleinen Pseudo-Mid-Life-Crisis stecke und Prinzessinengeburtstage einfach nicht mehr der Realität entsprechen weiß ich aber ganz genau eins: jetzt, aber sonst nicht. Ich bin nicht geschaffen zum alleine Sein; ganz und gar nicht und nie. Bis auf die wenigen Momente, in denen ich eben doch gerne mal in Selbstmitleid zerfließe. Ich konnte tatsächlich noch nie alleine sein. Seit ich 14 bin, bin ich eigentlich durchgehend in Beziehungen gewesen; kaum war die eine vorbei, schon habe ich mir das nächste Männchen gesucht, an das ich mich binden konnte. Zufällig habe ich mir immer das geschnappt, was irgendwie da war. Was diese Leere in mir stopfte - jegliche Zweideutigkeiten sind nicht unbeabsichtigt - und mich für kurze Zeit wieder glücklich machte. Nur wurde irgendwie aus diesem 'kurz' immer lang und aus einem absolut absurden Spontantreff wurde mein Liebster, der nun fast sieben Jahre lang an meiner Seite ist und genau auch da bleiben soll.

Während ich also immer ein intergalaktisches Glück hatte, beobachtete ich meine Freunde, wie sie an ihren vereinzelten Versuchen, eine feste Bindung einzugehen ohne Unterbrechungen scheiterten. Von extremen Crazy Girlfriends, die Schwangerschaften vortäuschten, über 'er wollte mein Getränk vor dem Kino nicht halten' war alles dabei. Und obwohl wir erst in der Mitte unserer 20er angekommen sind, habe ich nicht nur ein Mal gehört: Das Leben, das gehört nur mir. Ich muss mich verwirklichen können und da steht mir ein Partner einfach im Weg. 
An diesem Satz bin ich bereits besonders oft hängen geblieben und habe diese Frage auf mich selbst projiziert: Was wäre, wenn ich vor sieben Jahren nicht ihn als meinen Macker erwählt hätte? Was wäre, wenn ich nach meinem Abitur damals nicht an ihn gebunden gewesen wäre und was wäre, wenn ich mich nicht bedingungslos an das Klammern würde, was ich liebe? Würde ich jetzt vielleicht nicht auf dieser Liege verweilen, sondern in einer fancy Bar im Herzen Berlins angelehnt an einen 20-Tage-Bart-Hipster gegen den Beat Kopfnicken? Würde ich ich vielleicht gerade im Bett liegen und schlafen, weil ich morgen mit anderen Menschen zum Yoga irgendwo in einem Stadtpark in London gehen würde? 

Wo ich ohne ihn gelandet wäre, das kann ich heute nicht sagen. Jeder Tag stellt uns vor so wahnsinnig viele Variablen, dass sich das Leben wenn man es mit allen Sinnen wahr nimmt eigentlich jede Sekunde vollständig umkrempeln könnte. Ich weiß nur, dass ich mich ganz bewusst für diesen Weg entschieden habe und auch ausdrücklich bewusst machen möchte, dass es nie einfach nur the one and only big love war oder wir uns gegenseitig an unseren Regenbogenpupsen erfreuten. Hinter einer langen, festen Beziehung steckt unglaublich viel Arbeit. Und genau das sehe ich als Knackpunkt. Nicht die Arbeit, aber die selektive Wahl darin, wo wir nun unsere Kraft investieren möchten. 
Wer sich selbst erfüllen möchte, der muss sich erstmal auf die Suche nach den eigenen Zielen machen. Meistens sind die Ziele klassisch: beruflich on top, viel von der Welt sehen, schön aussehen, vieles erleben, sich zum Selbstbildnis der eigenen Perfektion machen. Das erfordert meistens so viel Arbeit, dass man ein Anhängsel an seiner Seite, das mindestens genauso viel Arbeit bedeutet, so gar nicht gebrauchen kann. Denn während man bei der Arbeit an sich selbst höchstens mit dem eigenen Nörgeln beschäftigt ist, so sind wir beim Zusammenleben mit einem Partner immer mit einer Zweitbeurteilung konfrontiert. Ein Zweitkorrektor, der aus der 2 vielleicht eine 3+ macht. Aus genau dieser Angst versperren wir diese Variable lieber komplett. Wir? Meine Generation aus twenty-somethings. Die zwar früher Häuser baut denn je - aber eben für sich selbst. Man muss groß sein und wichtig werden. Aber in dem Moment, wo alle für sich selbst wichtig werden müssen, wird alles für mich so nichtig.

Ich will hier nichts verallgemeinern: es gibt kein falsch und kein richtig. Genauso wie es immer Menschen geben wird, die wirklich ganz gezielt den Weg gehen, sich nicht fest binden zu wollen. Das ist in Ordnung und auch nicht schief anzuschauen. Immerhin sind wir nicht mehr im 18. Jahrhundert, in dem Brunhilde mit ihren 17 Jahren schon ihr fünftes Kind aus sich heraus presst - wir sind eher umzingelt von 50 jährigen Carrie-Bradshaw-Verschnitten, kinderlos und mit ihren frisch geschlüpften Toy-Boys. Und das ist auch vollkommen in Ordnung, wenn man sich das auch genau so wünscht - aber nicht, wenn man aus einer unterschwelligen Angst, irgendwie verurteilt zu werden, lieber dem Problem prophylaktisch aus dem Weg geht. 
Ich habe mir schon immer gesagt: ich möchte nicht mein Leben lang neben einem Kompromiss aufwachen und trotzdem bin ich bereit, für die Liebe meines Lebens täglich Kompromisse einzugehen. Denn das ist für mich der Weg der Selbstverwirklichung: vielleicht wachse ich auch an mir selbst, in dem ich strikt meine eigenen Pläne verfolge. Aber stellt man sich ein mal vor, da ist noch so ein Mensch, dessen Pläne man irgendwie genauso integrieren muss - dann wird das schon komplizierter. Eine größere Herausforderung, an der man wohl nicht nur doppelt so viel wachsen kann, sondern noch so viel mehr.

Erst letzte Woche wurde ich gefragt: "Du könntest doch so viel mehr machen. Eine Frau wie du, die könnte doch alles erreichen - schränkt dich das nicht ein, dass du immer an jemanden denken musst?" Nein. Denn viel mehr ist er es, der mich am Ende eines Tages in unserem großen flauschigen Kuschelbett in den Arm nimmt, mich umarmt und das Gefühl gibt: ich muss niemandem etwas beweisen. Nicht meinen Mitmenschen, nicht ihm und vor allem nicht mir. In diesen Momenten ist kein Raum mehr für Fragen nach 'mehr'. Denn genau diese Momente sind es, in denen ich weiß, dass ich angekommen bin.

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Was Mareike dazu sagt?
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Nun findet ihr jeden Freitag um 12 Uhr einen neuen Kolumnenbeitrag zu den verschiedensten Themen bei Mareike und mir - ein Thema, zwei Richtungen.

Mein Dank gilt an dieser Stelle auch an Michael Nast, der den wunderbaren Begriff 'Generation Beziehungsunfähig' so populär gemacht und mich zu diesem Thema inspiriert hat.

Kommentare on "[Gedankenflug] Generation 'Beziehungsunfähig' - sind wir alleine wirklich so viel mehr?"
  1. du kannst mega gut schreiben! :) ich fand das echt interessant zu lesen, wie du darüber denkst.
    Ich habe auch schon öfter darüber nachgedacht, wie Menschen lange zusammenbleiben und es schaffen und andere irgendwie nie anzukommen scheinen und immer irgendwie den richtigen Moment verpassen, wenn es den überhaupt gibt...
    liebe grüße, gabi :)

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    1. Vielen herzlichen Dank! Ich freue mich ganz arg, soetwas zu lesen! :)

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  2. Ich habe gerade schon den Bericht von Mareike gelesen und musste jetzt unbedingt noch bei dir vorbeischauen. Auch du hast den Post richtig toll geschrieben. Mit dir kann ich mich aber eher identifizieren ;)
    Bin jetzt auch 7 Jahre mit meinem Liebsten zusammen, bin froh darüber und will nicht, dass sich was ändert.
    Interessant finde ich die Frage, was wohl wäre, wenn ich vor sieben Jahr nicht an ihn geraten wäre. Wie hätte sich mein Leben wohl dann etwickelt? Wissen werden wir es nie und das ist wohl auch besser so, weil wir zufrieden sind, so wie es ist!
    Ach ja, bei deinem Text kam ich einige Male zum Schmunzeln :) Echt toll geschrieben! "Regenbogenpupse"

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    1. Ja, die Frage ist für mich auch so wahnsinnig spannend! Aber wie gesagt - ich glaube, dass wir jeden Tag vor so vielen Variablen stehen, die so viel auslösen könnten... und wir entscheiden uns aus gewissen Gründen dafür oder dagegen. Meistens aus komplett freien Stücken, weil wir es genau so wollen, wie es eben nun ist :)

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  3. Liebste Lisch ♥
    Ein wunderbar ehrlicher Beitrag ♥
    Ich habe mich das auch schon oft gefragt. Ich bin ja aufgrund meines Mr. Big von zu Hause weggezogen. So weit weg... Von zu Hause... meiner Familie und meinen Freunden. Ich wurde schon oft gefragt, ob es das wert war. Ob er mir nicht im Weg steht. Aber dort wo ich jetzt bin, am Scheideweg meines Lebens, ist er an meiner Seite. Er ist meine Unterstützung. Ohne ihn hätte ich diesen Schritt vielleicht nie gewagt!
    Und du hast so Recht. Ich muss angekommen sein. Niemandem muss etwas bewiesen werden. Ich muss glücklich sein. Das ist alles.

    Herzige bunte Grüße
    Tami ♥

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    1. Glück ist doch immer das, worum es am Ende eines Tages geht, nicht wahr? :)

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  4. Dein Blog ist sehr schön , man merkt dass du dir viel Mühe gibst. Du hast eine Leserin dazu gewonnen :)
    Herzlichst, Geena Lee Samantha von http://mintcandy-apple.blogspot.de

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    1. Oh, das ist wundervoll und lässt mein Herz gleich viel schneller hüpfen :) Danke dir!

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