Themenwoche "Schulabschluss... und nun?" Part II: Wie ich doch noch mein Glück fand.

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15 Oktober 2013


Erst vor wenigen Stunden erzählte ich euch, wie mein Weg nach der allgemeinen Hochschulreife so verlief - gar nicht mal so gut! :D Während ich also mein Kunsthochschulstudium abbrach, schickte ich Bewerbungen an alle möglichen Hochschulen im Lande und hoffte einfach darauf, endlich mal Glück zu haben.


Die erste Antwort bekam ich von der Hochschule Reutlingen für den Studiengang "Textiltechnologie-Textilmanagement" - ich wurde zum Vorstellungsgespräch geladen! Bisher wusste ich ganz und gar nicht, dass es Vorstellungsgespräche bei normalen Hochschulen gibt! Verrückt... Ende Januar 2013 war es dann so weit und ich fuhr das erste Mal an die Hochschule; und obwohl ich fast zwei Stunden früher los bin als es hätte sein müssen, kam ich dennoch fast zu spät... zum Glück nur fast. So weit ich weiß, werden nur 100 Leute zum Auswahlgespräch geladen und nur ca. 60 davon kriegen dann auch tatsächlich den Studienplatz; ihr könnt euch sicherlich vorstellen, wie wahnsinnig aufgeregt ich war! Und dann saß ich plötzlich da, in einem kleinem Büro an einem winzigen Tisch - zu meiner linken ein Chemie-Professor und zu meiner rechten ein Manager von Hugo Boss. "Wer sind Sie, was wollen Sie, wie schnell wollen Sie es und warum?" Tausend Fragen auf einem Haufen und ich wusste plötzlich so gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht... trotzdem schaffte ich es nach und nach, jede Frage ruhig und mit einem Lächeln im Gesicht zu beantworten. Im Grunde unterschieden sich die Fragen nicht sonderlich von jedem anderen Bewerbungsgespräch. Bis auf: "Ich sehe, Sie haben Ihre Mathematik-Abitur-Prüfung mit 2 Punkten abgeschlossen und Physik in der 11. Klasse mit einer 5 abgewählt - wie wollen Sie das nun schaffen?" Gute Frage, dachte ich mir damals und erzählte viel von Motivation und Nachhilfe und was man eben so erzählt, wenn man sich in die Ecke gedrängt fühlt... ich will es ja gar nicht leugnen: Dass "Technologie" etwas mit Mathe und Physik zu tun hat war mir klar und dass man bei einem Bachelor of Engineering nicht an diesen Fächern vorbei kommt... aber ja, wie sollte ich das schaffen? Die beiden Herren bedankten sich bei mir und ich ging mit einem wahnsinnig mulmigen Gefühl nach Hause - mit einem Blick zurück auf den Campus dachte ich aber nur: Wow, hier würde ich gerne bleiben.
"Textil" ist nicht einfach nur Kleidung...
Zwei Wochen später lag dann ein großer Umschlag im Briefkasten - Zulassungsbescheid. Diesen freudigen Schrei kann ich euch gar nicht beschreiben.... das war unglaublich :D Ich hatte also tatsächlich überzeugt! Und das nicht nur einfach auf dem Papier, nein, sondern mit mir selbst! Zum ersten Mal war ich wirklich stolz auf mich; ich bestätigte die Zusage sofort und war somit zum SS2013 Studentin der Hochschule Reutlingen. In den folgenden Wochen trudelten auch die Antworten der anderen Hochschulen ein - nur Zusagen, keine einzige Absage. Ja, was war denn da los? Plötzlich wollen mich alle. Dass das mein Selbstwertgefühl zum Schluss zusätzlich nochmals angehoben hat, das könnt ihr euch sicherlich vorstellen.

Am 11. März 2013 begann also mein erster Tag an einer richtigen Hochschule - wow, so viele Menschen und alle sind irgendwie... so zusammen, gemeinsam und doch für sich und wow, hier ist einfach alles so toll! Ja, so ungefähr ging das in meinem Kopf ab. An der Fakultät "Textil & Design" wurde es dann nochmals spannend und ich fühlte mich plötzlich ganz klein und wie ein Bauerntrampel - ganz schön viele reiche Modedesign-Studenten mit ihren LV-Täschchen... ich hatte sofort das Gefühl, dass es hier wirklich um das "Sehen und Gesehen werden" geht. Kein Gammel-Studenten-Look erlaubt, sonst ist man untendurch. Natürlich ist das nicht so - aber ein wenig hat sich das dann doch bestätigt. Wir "Textiler" repräsentieren dann doch auch die Mode - dann hält man sich eben dran. später im Beruf fragt dich auch niemand mehr, ob du dich an den Dresscode halten willst oder nicht.
Meine liebe Freundin Mel mit den wunderschönen Puppen :D
Arbeiten in den Fertigungshallen
Wer aber denkt, mein Studiengang hätte nun etwas mit Mode zu tun - oh nein. Zu einem kleinen Teil vielleicht, aber es ist viel weniger "Mode" als eben "Textilien" als solche. So kann ich euch meinen Studiengang in drei Bereiche untergliedern - Naturwissenschaft, Betriebswirtschaft und textile Fächer. Das Naturwissenschaftliche besteht hauptsächlich aus Physik, im ersten Semester Mathematik und seit diesem (zweiten) Semester auch mit Werkstoffkunde, was mit Chemie vergleichbar ist. Die meisten Menschen sagten mir, ich würde dieses Studium nicht packen - "Pff, du hast zwar ein gutes Abi - aber deine Mathe und Physik Note, ne, das schaffst du nicht!" Nun kann ich verkünden, dass ich meine Mathe-Prüfung mit einer 2,0 bestanden habe. Es hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet, aber es hat sich gelohnt. Auch meine 5 in Physik ist wie niedagewesen - momentan haben wir jeden Montag ein Physikpraktikum, das wie gesagt von 13:45 Uhr bis 20:45 Uhr geht, und ich darf ehrlich behaupten, dass ich darin mehr als glänze! 
Betriebswirtschaftliches bekommt man in Fächern wie BWL, VWL, Rechnungswesen und eigenen Projekten mit auf den Weg - in der Theorie sehr langweilig, aber wenn man dann selbst ein Projekt führen kann, sieht das schon ganz anders aus. Im ersten Semester durften (bzw. mussten) wir uns einen Modebetrieb aussuchen, den wir näher beobachten sollten - wie funktioniert der An- und Abverkauf, was muss wann neu geliefert werden, wie funktioniert Visual Merchandising? Und schließlich geht es dann noch um die Textilien selbst - Garnerzeugung, Weberei, Maschentechnik, Bekleidungstechnik... wir konstruieren also auch Schnittmuster und dürfen sie in unseren Fertigungshallen und Nähsälen produzieren.
Meine allerersten Versuche an der industriellen Nähmaschine... witzig, oder? :D
Viel zu viel zu viel Physik... :o
Es ist ein sehr breit gefächertes Studium und wirklich anspruchsvoll; doch wenn man dran bleibt, dann hat man später wahnsinnig gute Berufschancen. Nahe liegend ist wohl die Arbeit in der Modebranche als Manager - das Erstellen von Lookbooks, entscheiden über neue Kollektionen, Reisen um die Welt, um überall die neusten Trends aufzuschnappen, was wird wohin verkauft... ein sehr organisatorischer, aber auch kreativer Beruf, den ich persönlich anstrebe - am schönsten wäre das in Frankfurt bei LEVI'S. Aber könnt ihr euch auch vorstellen, dass ihr mit diesem Studium in die Medizin oder zum Flugzeugbau könnt? Ha, Flugzeuge werden teilweise aus Carbonfasern gestrickt (!) und künstliche Arterien können ebenso gestrickt sein - also alles Arbeit eines Textiltechnologen. Man kann aber ebenso in die Automobilindustrie oder in den Vorstand einer Wäscherei oder Modeschauen organisieren oder... ja, ich könnte ewig so weiter machen. Und da die Hochschule Reutlingen meines Wissens nach die einzige Hochschule in Deutschland ist, die diesen Studiengang in der Form anbietet und zudem einen wirklich guten Ruf hat, sind die beruflichen Chancen nach dem Studium noch viel besser - schon jetzt erhalten wir per Mail Anfragen von Firmen, die ausschließlich Studenten oder Absolventen meiner Hochschule haben möchten. Jedes Mal, wenn ich das jemandem erzähle, merke ich wieder, in was für einer tollen Situation ich nun eigentlich bin.

Es hätte mir nichts Besseres passieren können, als dass ich auf dieser Hochschule in diesem Studiengang lande - ich blühe richtig auf, habe Spaß, tolle neue Freunde und kann auch wirklich nichts Negatives über die Hochschule Reutlingen sagen. Selbst das Mensaessen kann sich sehen lassen. Das einzig blöde ist das Pendeln - ich wohne zwar nicht weit weg von Reutlingen, aber ich muss von Kaff zu Kaff tuckern und habe hier Wartezeiten und dort Wartezeiten... so stehe ich meist um 4 Uhr morgens auf und bin oft nicht vor 19 Uhr zu Hause... viel Zeit für anderes bleibt dann nicht mehr, aber das hole ich dann umso mehr in den Semesterferien nach und hey, durch gutes Zeitmanagement geht alles. Ich bin da angekommen, wo ich hingehöre und freue mich jetzt schon auf meine berufliche Zukunft.

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Abschließend möchte ich euch nur noch ein paar Tipps auf den Weg geben:

1. Kümmert euch wirklich früh genug um Informationen - sonst steht ihr genauso blöd wie ich da und verschwendet unnötige Zeit!
2. Kümmert euch aber auch nicht zu sehr darum, falls ihr doch "unnötige Zeit verschwendet" habt. Das kann jedem passieren und passiert auch wahnsinnig vielen - manchmal ist man eben nicht sofort am Ziel und der eigentlich erstrebte Weg erweist sich als der falsche.
3. Lasst euch niemals einreden, ihr könntet etwas nicht schaffen. Ich habe es mir und allen anderen bewiesen, dass man auch mit 2 Punkten im Mathe-Abi an der FH eine 2,0 in Mathe schreiben, in Physik gut sein und schlussendlich eine Ingenieurin werden kann. Wer hätte das gedacht... nicht mal ich hätte das gedacht .


Ich hoffe, die Themenwoche hat euch gefallen - falls ihr Fragen habt, dürft ihr gerne alles fragen! Und falls ihr Interesse daran hättet, vielleicht jedes halbe Jahr solch eine Themenwoche hier zu lesen, dann sehr gerne!

Ebenso danke ich nochmals den anderen teilnehmenden Bloggerinnen!
Yvonne - Heffa - Saskia - Sarah - Miriam - Nicci

  

Kommentare on "Themenwoche "Schulabschluss... und nun?" Part II: Wie ich doch noch mein Glück fand."
  1. Zufall. In Reutlingen möchte ich "International Fashion Retail" studieren,ist mein Traum. :D
    Ansonsten geht es bei mir auf die Uni.

    Finde den Bericht wirklich toll und ich glaube Reutlingen ist eine der wenigen Hochschulen,die noch Auswahlgespräche machen. Finde ich aber gerade gut,weil man dann auch mit schlechteren Noten punkten kann. :>

    Du hast also deinen Weg gemacht und ich wünsche dir viel Erfolg! ^-^

    J.

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    1. Danke dir :) Und ha, mit den IFRlern haben wir diverse Vorlesungen gemeinsam :) Grad BWL und die textilen Fächer :)

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  2. Finde dieser Serie hier wirklich interessant, habe mir auch all die anderen Beiträge durchgelesen. Dein Studienfach hat mal eine Mutter eines Mädchens aus meiner Ex-Stufe studiert, auch in Reutlingen. Als sie mir das erzählt hat, musste ich sofort an dich denken. :D
    Hört sich wirklich gut an und ich freue mich, dass du (wenn auch auf Umwegen) das gefunden hast, das dir Spaß macht. Gerade auch, dass du das so gut geschafft hast mit Mathe und Physik, das motiviert mich gerade doch für mein Studium auch ein bisschen. :)
    Viel Freude und Erfolg noch weiterhin in deinem Studium. :)

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